Was ist Gnade?

autor: jerry bridges

Ich wuchs im Osten von Texas auf, wo wir als Familie in der Nähe einer Bahnlinie lebten. In jener Zeit fuhren auf dieser Bahnlinie oft heimatlose Wanderarbeiter als blinde Passagiere in Güterzügen von einer Stadt zur andern. Wir nannten diese Männer Hobos [1] . Gelegentlich tauchte einer dieser Männer an unserer Haustür auf und bat meine Mutter um eine Mahlzeit. Jedes Mal ging meine Mutter ohne Bedenken in die Küche, um einen Teller mit Essen zu holen. Sie gab freiwillig und ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Sie verlangte auch keine Arbeitsleistung als Entgelt. Sie bat den Hobo nicht, für das geschenkte Essen den Rasen zu mähen, die Hecken zu schneiden oder die Fenster zu putzen. Sie gab ihm die Mahlzeiten, ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen.

 

War die Güte meiner Mutter ein Akt der Gnade? Es war sicher eine barmherzige und liebenswürdige Handlung, aber als Gnadenakt im biblischen Sinn kann man diese Güte kaum bezeichnen. Wir definieren die Gnade oft als „Gottes unverdientes Geschenk“ und machen aus Gnade und Werken einen Gegensatz, zum Beispiel wenn wir die Bibel zitieren und sagen: „Wir sind durch Gnade errettet, nicht durch Werke.“ Wenn wir uns an die einfache Definition von Gnade als unverdientem Geschenk halten, würde sich die Gabe meiner Mutter in Form eines Essens als Gnade qualifizieren. Der Hobo hat nichts verdient. Das Essen wurde ihm aus freien Stücken geschenkt. Warum sage ich dann, dass die Güte der Mutter keine Gnade war?

 

Lassen sie mich die Geschichte von meiner Mutter und dem Hobo in das Reich der Fiktion bringen, um diese Frage zu beantworten: Ein Hobo taucht an unserer Haustür auf und bittet um eine Mahlzeit. Diesmal aber erkennt die Mutter ihn als den Mann, der unser Haus vor einigen Wochen ausgeraubt hat. Anstatt zum Telefon zu greifen, um die Polizei zu rufen, geht sie auch jetzt in die Küche und bereitet einen Teller mit warmem Essen vor. Sie stellt dem Hobo keine Fragen, und er muss auch nicht für das Essen arbeiten, um es sich zu verdienen.

 

Sie können leicht sehen, dass ein neues Element in die Geschichte eingeführt worden ist. Es liegt jetzt nicht nur ein Mangel an Verdienst vor, sondern zusätzlich hat der Hobo Unrecht getan. Der Hobo hätte es verdient, für seine Tat bestraft zu werden. Unter diesen Umständen hat er das Geschenk des Essens nicht nur nicht verdient, sondern zusätzlich hätte er festgenommen und für seine Tat bestraft werden müssen. Mit diesem zusätzlichen Element rückt die Geste meiner Mutter schon etwas näher an die wahre Bedeutung der göttlichen Gnade.

 

Gottes Gnade richtet sich nicht nur an Personen, die keinen Verdienst vorweisen können, sondern sogar an solche, die Unrecht begangen haben. Göttliche Gnade ist mehr als ein unverdientes Geschenk. Ein wichtiges Element im biblischen Verständnis von Gnade ist das Vorhandensein von begangenem Unrecht, [das geahndet werden müsste]. In unserer Beziehung zu Gott gibt es immer entweder Verdienst für Gehorsam oder Schuld als Folge von Ungehorsam. Eine unbeteiligte, neutrale Position ihm gegenüber gibt es nicht. In unserem Fall liegt Schuld vor. Sogar unsere besten Taten sind befleckt von Sünde. Aus Sicht der Gerechtigkeit verdienen wir es, bestraft und nicht belohnt zu werden. Darum schreibt der Apostel Paulus, dass wir in unserem Zustand vor der Erlösung „Kinder des Zorns“ waren (Epheser 2,3).

 

Da der Begriff der Schuld für das Verständnis der Gnade wesentlich ist, schlage ich die folgende Definition vor: Gnade ist Gottes Gunst [oder: Hinwendung] durch Christus für [zu] Menschen, die seinen Zorn verdienen. In dieser Definition nimmt der Satzteil „Zorn verdienen“ den Tatbestand auf, dass Schuld vorliegt und dennoch Gottes Gunst wirksam ist.

Noch näher an den Begriff „Gnade“.

Wir gehen zurück zur fiktiven Geschichte des Hobos, der meine Mutter ausgeraubt hat, aber trotzdem eine freie Mahlzeit erhält. Ich habe angedeutet, dass sich dieses Szenario der Bedeutung des Begriffs Gnade annähert. Aber dies ist immer noch ein stark ungenügender Vergleich von Gottes Gnade uns Menschen gegenüber. Lassen Sie mich vier Gründe dafür geben.

 

1. Obwohl meine Mutter durch den Raub des Hobos persönlich verletzt worden ist (Leute, die beraubt werden, sagen oft, dass sie sich persönlich verletzt fühlen), ist es nicht ihr Gesetz, das gebrochen worden ist. Wenn der Hobo, sagen wir mal Joe Hobo, verhaftet und vor Gericht gestellt würde, hiesse der Fall „Der Staat Texas gegen Joe Hobo“ und nicht „Mrs. Bridges gegen Joe Hobo“. Denn obwohl meine Mutter Unrecht erlitten hat, ist es das Gesetz des Staates, das gebrochen worden ist. Andererseits, obwohl es das staatliche Gesetz ist, das gebrochen worden ist, können wir nicht sagen, dass der Staat Texas Unrecht erlitten hat.

 

Bei Gott aber kommen seine Person und sein Gesetz zusammen. Es ist sein Gesetz, das wir brechen. Auch wenn unsere Sünde jemand anders beeinträchtigt, ist sie immer auch ein Affront gegenüber Gott persönlich sowie eine Verletzung seines Gesetzes. Als Gott den Propheten Nathan sandte, um David mit dem Ehebruch mit Bathseba und seinem Mord an Uriah zu konfrontieren, sagte Nathan: “Warum hast du denn das Wort des Herrn verachtet, dass du ein solches Übel vor seinen Augen tatest? Nun soll das Schwert nicht von deinem Haus weichen für immer, weil du mich (Gott) verachtet und die Frau Urias, des Hetiters genommen hast“ (2. Samuel 12,9-10). David verachtete also in seiner Sünde das Gesetz Gottes und die Person Gottes.

 

In unserer fiktiven Geschichte des Hoboräubers können wir sagen, dass er das Gesetz des Staates Texas missachtet und meine Mutter verachtet hat. Aber er hat nicht den Staat beraubt, und er hat nicht das Gesetz meiner Mutter übertreten. Indem David Bathseba missbrauchte und ihren Mann Uriah ermorden liess, verachtete er das Gesetz Gottes und Gott als Person. Sünde begehen ist mehr als das Gesetz Gottes brechen. Sünde ist ein scharfer Angriff auf die unendliche Würde von Gottes Person. Aus diesem Grund verdienen wir seinen Zorn. Gnade ist, dass wir stattdessen seine Gunst erhalten. 

 

2. Ein weiterer Grund, warum unserer Geschichte die Gnade nicht vollständig veranschaulicht: Meine Mutter hätte weder Macht noch Vollmacht, um Gerechtigkeit auszuüben. Sie hätte die Polizei rufen und hoffen können, dass der Mann verhaftet, verurteilt und ins Gefängnis geschickt würde. Das ist alles. Sie hätte angefragt werden können, um beim Prozess als Zeugin auszusagen, aber sie hätte nicht Gerechtigkeit ausüben können. Gott jedoch kann es. Er hat die Autorität und die Macht, Sünde zu bestrafen. Jesus sagt „Fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann.“ (Matthäus 10,28). Gott hätte uns alle in die Hölle weisen können, wie er es mit denjenigen Engeln tat, die gesündigt hatten (2. Petrus 2,4). Stattdessen gibt er uns ewiges Leben. Das ist Gnade.

 

3. Nun wollen wir einen weiteren Faktor in die fiktive Geschichte einführen. Angenommen meine Mutter hätte den Mann nicht nur als denjenigen erkannt, der unser Haus ausgeraubt hat, sondern als denjenigen, der im Verdacht steht, auch noch andere Nachbarhäuser ausgeraubt zu haben. Jetzt hätte sie die staatsbürgerliche Pflicht gehabt, die Polizei zu rufen. Angenommen, sie hätte zu sich selbst gesagt: „Ich weiss, dass dieser Mann wahrscheinlich andere Häuser in der Gegend ausgeraubt hat, aber ich habe Erbarmen mit ihm. Er hat wahrscheinlich Frau und Kinder zu Hause. Ich gebe ihm stillschweigend etwas zu Essen und schicke ihn dann weg.“ Damit hätte Mutter die Gerechtigkeit im Interesse der Barmherzigkeit untergraben.

 

Gott aber kann Gnade nicht auf Kosten der Gerechtigkeit ausüben. Er kann nicht einfach entscheiden, Sünde zu übersehen, weil wir ihm leid tun. Gottes Gerechtigkeit muss zufriedengestellt werden. Dennoch scheinen viele Menschen Gnade auf diese Weise zu verstehen. Sie sehen Gott als lieb und freundlich, als einen, der unsere Sünden ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit verzeihen wird. Aber würde Gott unsere Sünden auf diese Weise verzeihen, wäre das keine Gnade. Das wäre eine vorsätzliche Nichtanwendung von Recht. 

 

4. Es gibt noch einen wichtigen Unterschied zwischen dem Hobo und uns. In der Geschichte klopft der Hobo an die Tür meiner Mutter und bittet um Essen. In unserer Beziehung zu Gott klopfen wir nicht an seine Tür, um Rettung zu suchen. Die Schrift sagt: „ … da ist keiner, der nach Gott fragt.“ (Römer 3,11). Anstatt nach Gott zu suchen probierten wir ihm aus dem Weg zu gehen. Personen ohne Christus werden manchmal als „Suchende“ bezeichnet. Die Wahrheit ist aber, dass ein Ungläubiger Gott nicht sucht, es sei denn, dass Gott ihn zuerst gesucht hat. Wir sind tot in unseren Sünden (Epheser 2,1) und können Gott nicht suchen, wenn er uns nicht zuerst Leben gibt. Gott sucht uns, wenn wir ihn nicht suchen können und nicht suchen wollen. Das ist Gnade.

Wir sind gerettet „durch Christus“

Kehren wir zu meiner vorgeschlagenen Definition der Gnade zurück: Gnade ist Gottes Gunst [oder: Hinwendung] durch Christus für [zu] Menschen, die seinen Zorn verdienen. Durch seine Gnade empfangen wir nicht den Zorn, den wir verdienen. Stattdessen erhalten wir Gunst, die wir nicht verdienen. Wie ist das möglich? Die Antwort findet sich in den beiden Worten „durch Christus“. Weil Christus an unserer Stelle gestorben ist, müssen wir den Zorn Gottes nicht erfahren, den wir so reichlich verdienen. Jesus erfüllte Gottes Gerechtigkeit und wandte Gottes Zorn von uns ab, indem er diesen Zorn an unserer Stelle erlitt. Jetzt kann Gott uns Gnade erweisen, ohne seine Gerechtigkeit zu untergraben. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit treffen sich am Kreuz.

 

Jesus tat aber mehr als die Gerechtigkeit Gottes zufrieden zu stellen und seinen Zorn abzuwenden. Durch seinen vollkommenen Gehorsam verdiente er für uns Gottes vollkommene Gnade und alle seine Segnungen. Um die Hobo-Illustration zu benutzen: Jesus mähte den Rasen, trimmte die Hecken, wusch die Fenster und malte die Veranda. Er hat alles getan. Er gehorchte dem ganzen Gesetz Gottes vollkommen, und er tat es an unserer Stelle. Genauso wie er an unserer Stelle gestorben ist, so hat er auch an unserer Stelle gehorcht. Deshalb sind diese beiden Worte „durch Christus“ so wichtig für die Definition der Gnade. Ohne Opfer Christi für uns könnte es keine Gnade geben.

 

Wir müssen auch erkennen, dass Gottes Gunst für uns überfliessend ist. Sie ist unendlich viel grösser als ein Teller mit dem Essen für den Hobo. Gott empfängt uns in seiner Familie als Söhne und Töchter und öffnet das Lagerhaus seines grenzenlosen Reichtums für uns. Er hat uns jeden geistlichen Segen in Christus versprochen und will alle unsere Bedürfnisse nach seinem Reichtum in Christus erfüllen (Epheser 1,3; Philipper 4,19). Er lädt uns ein, vertrauensvoll zu seinem Thron der Gnade zu kommen, um Barmherzigkeit zu erlangen und Gnade zu finden in Zeiten der Not (Hebräer 4,16).

Unsere Antwort

Wie sollten wir auf diese Definition von Gottes Gnade reagieren?

 

1. Es ist angebracht, zunächst mit tiefer Demut zu antworten. Wir verdienen wirklich den Zorn Gottes. Dieses Bewusstsein sollte uns vor Gott und vor einander bescheiden werden lassen. Im Bereich der Gnade gibt es keinen Platz für die schreckliche Sünde des selbstgerechten Vergleichens zwischen uns und anderen Menschen. Sogar in Bezug auf die schrecklichsten Sünder um uns herum sollten wir in aller Demut und absoluter Wahrhaftigkeit sagen: „Nur aus Gnade bin ich nicht auch so.“

 

2. Dann sollten wir in tiefer Dankbarkeit antworten. Wir wurden nicht nur vom Zorn Gottes verschont, sondern uns wurde auch all seine Gunst zuteil. Alles, was wir sind und tun, hat nur durch Gottes Gnade irgendeinen Wert. Der niederländische Theologe G.C. Berkouwer sagte: „Der Kern der christlichen Theologie ist Gnade, und das Wesen der christlichen Ethik ist Dankbarkeit.“ Es ist Dankbarkeit, die spontan aus einem mit Gnade gefüllten Herz quillt, die uns motiviert, Gott zu gehorchen und ihm von ganzem Herzen zu dienen.

[1]  Ein Hobo ist ein nordamerikanischer Wanderarbeiter. Hobos sind meist heimatlos und nutzen Güterzüge, um durchs Land zu reisen und sich hier und dort mit kleineren Tätigkeiten etwas zu verdienen (Quelle: Wikipdia) Anmerkung des Übersetzers.

Aus dem Englischen übersetzt von Yvonne Ballmer. Bibelstellen zitiert aus der Neuen Lutherbibel 2009. Übersetzt mit freundlicher Erlaubnis des „Reformed Theological Seminary“, Jackson MS, USA: "Translated by permission of Reformed Theological Seminary, Jackson MS, USA".