Jesus Christus – Erlöser oder Bedürfnisstiller?

Autor: Beat Tanner, Ph.D (USA)

 

Zusammenfassung: Menschen bringen ihre Bedürfnisse auf verschieden Art und Weise zum Ausdruck: Ich brauche Erholung; ich erwarte Respekt usw. In christlichen Kreisen wird oft geraten, die Bedürfnisse bei Jesus stillen zu lassen. Doch – was sind die wirklichen Bedürfnisse des Menschen und was sind seine sündhaften Begierden, die ihn versklaven? Das Verständnis menschlicher Bedürfnisse ist massgebend von der Psychologie beeinflusst. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass Jesus durch sein Erlösungswerk die geistlichen Bedürfnisse bereits gestillt und sündhaftes Begehren (das gewöhnlich als Bedürfnis bezeichnet wird) ausgelöscht hat. In diesem Artikel wird versucht, die wahren menschlichen Bedürfnisse von selbstsüchtigen Wünschen zu unterscheiden und aufzuzeigen, dass ein differenzierter Umgang damit erforderlich ist.

 

Es ist nicht abzustreiten: Wir Menschen haben Bedürfnisse. Dabei kann das Bedürfnis ganz verschieden geäussert werden. Das Kind sagt: Ich brauche dieses Spielzeug, damit ich mich nicht langweile; der Teenager: Ich will meine Freiheit, sonst halte ich es nicht mehr aus; der gestresste Handwerker braucht dringend Ferien, um sich zu erholen; der von seinem widerspenstigen Kind verletzte Vaters erwartet Respekt; die Ehefrau sehnt sich danach, von ihrem Mann wahrgenommen und anerkannt zu werden; der Ehemann hingegen wünscht sich mehr körperliche Nähe; das Bedürfnis des professionellen Seelsorgers ist gemäss dem integrationistischen Seelsorgeverständnis und der entsprechenden Literatur genügend Ausbildung in Methodik und Fachkompetenz. Und ein Ratsuchender würde sein Bedürfnis wohl mit den Worten „Verständnis“ und „Angenommen-Sein“ umschreiben.

 

Das Wort „Bedürfnis“ ist in unserer Umgangssprache ein geläufiger Begriff. Es wird oft wie ein Gesetz verstanden, das erfüllt werden muss, um befürchtete Folgen abzuwenden: Nur ein gestilltes und erfülltes Bedürfnis kann das subjektive Wohlbefinden sicherstellen.

 

Das Verständnis und die Definition des Wortes „Bedürfnis“ ist in den letzten hundert Jahren stark von der Psychologie geprägt worden. Angefangen bei der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow, der Bedürfnis- und Triebtheorie nach Sigmund Freud bis zu Carl Rogers, der das bedingungslose Angenommensein (engl. unconditional love) durch den Therapeuten gelehrt und praktiziert hat. Diese Psychologen haben uns ein bestimmtes Bild der sogenannten Bedürfnisse und des Umgangs mit ihnen hinterlassen.

 

Der amerikanische Psychologe Philip Cushman bemerkt in seinem Artikel „Why Is The Self Empty?“ unter anderem, dass die Psychologie sich zur Heilung der von ihr selbst erschaffenen Bedürfnisse berufen hat. So sollten wir zuerst versuchen, das Wort „Bedürfnis“ zu definieren. Was ist darunter zu verstehen? Wir unterscheiden im Folgenden zwischen

  1. biologischen Bedürfnissen
  2. psychologischen Bedürfnissen
  3. Begierden (die oft mit dem Wort „Bedürfnis“ verharmlost und verschleiert werden)
  4. geistlichen Bedürfnissen


1. Biologische Bedürfnisse

 

Als erstes sind die biologischen Bedürfnisse zu nennen. Der menschliche Körper überlebt nicht lange, wenn die biologischen Bedürfnisse nicht gestillt werden. Er benötigt Nahrung, Flüssigkeit, Schlaf sowie Schutz vor Kälte oder zu viel Wärme. Sein Bedarf an Mineralstoffen und Vitaminen muss gedeckt und der Hormonhaushalt im Gleichgewicht sein (z.B. Insulin für Diabetiker oder Schilddrüsenhormon etc.), damit Körperfunktionen aufrechterhalten werden und der Körper leistungsfähig bleibt. Ein Mangel kann zu schweren Störungen, ja sogar zum Tod führen.

 

Interessanterweise geht die Schrift auf die biologischen Bedürfnisse direkt ein, stellt sie in den grösseren Zusammenhang mit einem gottesfürchtigen Leben und verweist auf den himmlischen Vater, der für uns Menschen sorgen wird. So schreibt Paulus an seinen Mitstreiter Timotheus: „Die Frömmigkeit aber ist ein großer Gewinn für den, der sich genügen läßt. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum werden wir auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. (1. Timotheus 6. 6-8 )

 

Die Frage, was wir zum Leben brauchen, hat die Menschen seit jeher beschäftigt. Die Schrift bestätigt, dass Frömmigkeit oder Gottesfurcht für den genügt, der sich, wie Paulus schreibt, daran genügen lässt. Ebenso schreibt Matthew Henry in seinem Kommentar: Wo es echte Gottesfurcht gibt, wird es auch Genügsamkeit geben. Matthäus macht uns in seinem Evangelium darauf aufmerksam, dass unser himmlischer Vater für unsere leiblichen Bedürfnisse sorgt: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr all dessen bedürft.“ (Matthäus 6. 31-32)

 

Wir sollen und dürfen dankbar sein, dass wir in einer Welt leben, in der wir eine grossartige medizinische Versorgung, ein gut funktionierendes und strukturiertes Schutz- und Rettungssystem sowie ein umfassendes Sozialsystem haben. Gott versorgt uns in seiner Güte und Barmherzigkeit mit dem Notwendigen und sogar noch darüber hinaus.


2. Psychologische Bedürfnisse

 

Heutzutage wird der Mensch allgemein als ein Geschöpf verstanden, das nach dem medizinischen Modell funktioniert: Fehlt dem Körper etwas, muss der entsprechende Mangel ausgeglichen werden. Nach diesem Prinzip werden auch die sogenannten psychologischen Bedürfnisse definiert, wie Selbstwert, Annahme, Akzeptiert-Sein, Bedeutung, Sicherheit und Gemeinschaft. Es wird angenommen, dass mangelnde Befriedigung dieser Bedürfnisse psychische Probleme hervorrufe, die durch Stillen des jeweiligen psychologischen Bedürfnisses geheilt werden können. Die Heilung, so wird vorgeschlagen, geschehe durch das Weitergeben von bedingungsloser Liebe und Annahme in der Therapie oder Eltern-Kind-Beziehung; der Selbstwert werde durch Loben und gleichzeitiges Wegnehmen des Leistungsdruckes gestärkt; das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Annahme durch die therapeutische Beziehung erfüllt.

 

So werden in unserer bedürfnis- und gefühlsorientierten Gesellschaft psychologische Bedürfnisse als starke und scheinbar unwiderstehliche Gefühle verstanden, die zum Menschsein gehören und damit von vornherein berechtigt sind. Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie der Gemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen, sagt zum Beispiel: „Beim Koksen handelt sich offenbar um ein Bedürfnis eines grossen Teils der Bevölkerung.“[1]

 

Solch starkes Verlangen soll denn auch sofort gestillt werden, um das Wohlbefinden des Menschen sicherzustellen; die Schrift jedoch bezeichnet Bedürfnisse, die das Leben derart dominieren, als sündhafte Begierden, die aus einem verdorbenen Herzen kommen: Es sind falsche Götter oder Götzen. „So laßt nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, und leistet seinen Begierden keinen Gehorsam.“ (Römer 6. 12)

 

Jedoch behaupten auch Christen zuweilen die oben genannten psychologischen Bedürfnisse als natürliche Bedürfnisse des Menschen. Damit rechtfertigen sie ihren Anspruch, solche Bedürfnisse gestillt zu bekommen. Selbst an sich legitime Bedürfnisse können zum Götzen werden. Der Wunsch nach Anerkennung und Bedeutung[2] kann bisweilen so stark sein, dass selbst die kleinste als unfreundlich empfundene Geste Wut, Angst oder Rückzug auslöst.

 

Christliche Kreise vertreten oft die Ansicht, dass diese Bedürfnisse nur dann Sünde seien, wenn sie von Menschen gestillt werden sollen. Stattdessen rät man, seine Bedürfnisse bei Jesus stillen zu lassen: Der Mensch sei wie ein leerer Tank, der mit der Liebe Gottes gefüllt werden müsse. Damit ist das Problem aber nicht gelöst, denn psychologische Bedürfnisse werden weiterhin als vitale Bedürfnisse verstanden. Ein solches Verständnis von Bedürfnis ist abgekoppelt von der Sündhaftigkeit des Menschen und vom Erlösungswerk von Jesus Christus, und damit degradieren wir Jesus vom Erlöser zum Bedürfnisstiller. Indem wir die Beseitigung unseres vermeintlichen Mangels fordern, dienen wir letztlich der Befriedigung unserer unersättlichen Wünsche anstatt dem Herrn Jesus.Die Schrift beschreibt tatsächlich den Menschen als ein Geschöpf, das unersättlich ist in seinem Begehren. Die Seele des Menschen wird im Hebräischen als Kehle beschrieben. Der Mensch als Ebenbild Gottes ist ein Geschöpf, das davon abhängig ist, dass die Bedürfnisse seiner lebendigen Seele gestillt werden. Der gefallene und sündhafte Mensch will sich jedoch an seiner Sünde sättigen. Er gibt sich mit dem Erlösungswerk Christi nicht zufrieden und lässt sich nicht an dem genügen, was Christus für ihn getan hat.

 

Paulus sagt, dass wir die Erkenntnis der Wahrheit in unserer Ungerechtigkeit unterdrücken (Römer 1. 18). In seiner Sünde weigert sich der Mensch, die Wahrheit anzuerkennen. Aber dort, wo keine Sündenerkenntnis ist, wird Christus klein gemacht und die Sünde wird für den Menschen zu einem falschen Gott. Martin Luther schreibt dazu in seinem Brief an Georg Spenleinvom 8. April 1516: „Daher, mein lieber Bruder, lerne Christus, und zwar den gekreuzigten, lerne ihm zu singen und an Dir selbst verzweifelnd zu ihm zu sprechen: Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast das Meine auf dich genommen und mir das Deine gegeben; du hast angenommen, was du nicht warst, und mir gegeben, was ich nicht war. Hüte Dich, daß Du niemals nach einer so großen Reinheit trachtest, daß Du Dir nicht als Sünder erscheinen oder gar kein Sünder sein willst. Denn Christus wohnt nur in Sündern.“

 

Der Mensch in seinem Stolz will eher seine psychologischen Bedürfnisse, seine sündhaften Begierden, gestillt und befriedigt haben, als das Wort Gottes anzuerkennen. Damit dient er aber sich selbst und nicht dem Herrn Christus. In den Sprüchen steht geschrieben: „Der Blutegel hat zwei Töchter, die heißen: »Gib her, gib her!« Drei sind nicht zu sättigen, und vier sagen nie: »Es ist genug.«“ (Sprüche 30. 15)

 

Und beim Propheten Jeremia lesen wir: „Denn mein Volk tut eine zwiefache Sünde: Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein Wasser geben.“ (Jeremia 2. 13)

 

Menschen haben ihre eigenen Vorstellungen, wie ihre Wünsche und Bedürfnisse erfüllt werden sollen. Sie verlassen den lebendigen Gott, der sie errettet hat, und machen sich selbst einen falschen Gott, so wie das Volk Israel in der Wüste das goldene Kalb aufrichtete, weil es Jahwe misstraute, der sie doch aus Ägypten herausgeführt hatte. Sie gleichen rissigen Zisternen, indem sie immer mehr nach Erfüllung und Sättigung ihrer Wünsche verlangen. Die Sünde der falschen Götter versklavt. Es ist, als würden wir unsere Sehnsüchte und Begierden mit Salzwasser stillen, das uns mit jedem Schluck noch durstiger und abhängiger macht.

 

Wie schnell vergessen wir, dass Jesus Christus um unserer Sünden willen gekommen ist; damit wir, von der Sünde befreit, ihm dienen sollen. Die Zusammenfassung des Erlösungswerkes Christi lautet bei Paulus: Ich gebe euch als erstes weiter, dass Jesus Christus für unsere Sünde ist gestorben ist (1. Korinther 15. 3). Und in seinen weiteren Briefen schreibt er, dass Christus für unsere Gerechtigkeit auferstanden ist (Römer 4. 25 und 2. Korinther 5. 21). So ist Jesus Christus gekommen, um sein Volk von seinen Sünden zu retten: „Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“ (Matthäus 1. 21)

 

Wie beim Auszug aus Ägypten bedeutet die Erlösung in Christus einen Herrschaftswechsel und damit auch einen Wechsel der Dienstbarkeit: Erlöst, nicht mehr den falschen Göttern zu dienen, sondern dem neuen Herrn und Heiland: „Er hat uns errettet von der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines lieben Sohnes, in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden.“ ( Kolosser 1. 13-14)

 

Wie das Volk Israel aus der Knechtschaft des Pharaos befreit wurde, um fortan dem lebendigen Gott zu dienen, sind die Kinder Gottes aus der Knechtschaft der Sünde befreit, um fortan nicht mehr den eigenen Begierden, sondern ihrem neuen Herrn und Heiland zu dienen (1. Thess. 1. 9).


3. Begehren oder Begierde

 

„Laßt uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, daß ihr den Begierden verfallt.“ (Römer 13. 13-14)

 

Der Ausdruck „sündhafte Begierden“ wird heute weitherum auch unter Christen durch das Wort „Bedürfnisse“ ersetzt. Der Wunsch nach Liebe, Respekt, Harmonie, Bedeutung, Akzeptanz und Anerkennung – kurz nach einem perfekten und optimierten Leben kann so stark sein, dass er zu dem wird, was die Schrift „Begierde“ nennt (z. B. Titus 3. 3). Und was die Schrift Sünde nennt, können wir nicht einfach durch einen Begriffswechsel rechtfertigen. Johannes Calvin schreibt in seiner Institutio (III.3.12):

 

„Ich verdamme keineswegs die Begehrungen, die Gott in das Wesen des Menschen mit der ersten Schöpfung eingeprägt hat und die deshalb auch nur mit dem Menschsein des Menschen zusammen entwurzelt werden können; ich wende mich ausschliesslich gegen die masslosen und ungezähmten Regungen, die mit Gottes Ordnung im Streit liegen.“

 

Calvin kommt unserer Frage zuvor, was denn unser Begehren oder Wünschen zur Sünde macht: was mit dem Wort Gottes im Widerspruch liegt. Alles, woran unser Herz mehr hängt als am lebendigen Gott, wird uns zur Sünde. Martin Luther beschreibt dies im „Grossen Katechismus“ (1529) folgendermassen:

 

„Ist der Glaube und das Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht, und umgekehrt: wo das Vertrauen falsch und verkehrt ist, da ist auch dein Gott nicht recht. Denn dies beides gehört zusammen: Glaube und Gott. Woran du nun, so sage ich, dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“

 

Von solch sündhaften Begierden, die wir lieber gestillt als ausgelöscht haben wollen, schreibt auch Augustinus in seinen „Bekenntnissen“ (8.7): „Ich fürchtete nämlich, du könntest mich zu schnell erhören und zu schnell von der Krankheit der bösen Begierlichkeit heilen, die ich lieber gestillt als ausgelöscht haben wollte. Gewandelt war ich auf schlechten Wegen in gottlosem Aberglauben, nicht gerade dass ich seiner gewiss gewesen; allein ich zog ihn anderem vor, was ich nicht mit frommem Sinn suchte, sondern feindselig bekämpfte.“

 

Genau dies kennzeichnet das Erlösungswerk von Jesus Christus: Er stillt nicht einfach unsere sündhaften Begierden (die wir neutral als „Bedürfnisse“ tarnen), sondern löscht diese aus. Damit haben die Begierden, die uns vorher gezwungen haben, ihren Anspruch zu erfüllen, die Macht über uns verloren. Gottes Kinder sind befreit, dem lebendigen Gott zu dienen.

 

So schreibt Augustinus etwas später in seinen Bekenntnissen (9.1): „Dies ist aber nichts anderes als: Nicht mehr wollen, was ich will, und wollen, was du willst. Aber wo war denn in so langen Jahren mein freier Wille, und aus welcher tiefen und geheimnisvollen Verborgenheit wurde er jetzt in einem Augenblicke hervorgezogen, auf dass ich meinen Nacken unter dein sanftes Joch beugte und meine Schultern unter deine leichte Bürde, Jesus Christus, "mein Helfer und mein Erlöser?" Wie süss wurde es mir plötzlich, die Süssigkeiten nichtiger Dinge zu entbehren; und wenn ich sonst ihren Verlust gefürchtet hatte, so war ich jetzt froh, ihrer ledig zu sein. Denn du nahmst sie von mir, du wahre und höchste Süssigkeit, du nahmst sie hinweg von mir und zogest an ihrer Stelle ein, du süsser denn alle Lust, wenn auch nicht für Fleisch und Blut, du heller denn jedes Licht, aber innerlicher als das verborgenste Geheimnis, du erhaben über jegliche Ehre, aber nicht für die, die sich selbst erhaben dünken.“

 

Augustinus sieht in Jesus Christus seinen Erlöser – den Erlöser vom Zwang zur Erfüllung seiner versklavenden Begierden – und nicht einen Bedürfnisstiller. Zuvor liebte Augustinus diese Begierden und jagte damit einem Trugbild der Freiheit nach; jetzt aber ist er durch Christus davon befreit, um die Wege Gottes zu lieben (Bekenntnisse 3. 3). Gott stillte seine wahren, geistlichen Bedürfnisse: in Jesus Christus alle Wahrheit, Weisheit und Erkenntnis zu finden. Jesus selbst wird für Augustinus zum Schatz und zur Freude seines Lebens; Christus ist ihm lieber geworden als seine Sünden und Begierden; ihm allein will er fortan dienen.

 

4. Geistliche Bedürfnisse

 

Der Mensch hat jedoch Bedürfnisse, die nicht ausgelöscht, sondern gestillt werden müssen: Das sind seine geistlichen Bedürfnisse. Das Ziel des Paulus dass diese geistlichen Bedürfnisse durch die überschwängliche Erkenntnis in Jesu Christi gestillt werden. Alles anders betrachtet Paulus deshalb als Dreck. Wörtlich: als Kot (Philipper 3. 7- 8). Darum schreibt Paulus am Schluss in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi: „Mein Gott aber wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus. Gott aber, unserm Vater, sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Philipper 4. 19- 20)

 

Paulus konzentriert sich um wahren und geistlichen Bedürfnisse in seinem Leben. Wesentlich ist dabei, dass wir diese von den psychologischen Bedürfnissen und den menschlichen Begierden zu unterscheiden lernen. Der Heidelberger Katechismus lehrt uns, worin die wirkliche Not des Menschen liegt: Erkenne dein Elend und deine Sünde und deinen Heiland und Erlöser. [3]

 

Dies sind also die wahren Bedürfnisse des Menschen nach dem Sündenfall: Vergebung der Sünden, Rechtfertigung und Heiligung und Verherrlichung in Christus, Wahrheit, Weisheit und Erkenntnis Christi. Es sind die himmlischen Segnungen, durch die Gott die Bedürfnisse der Kinder Gottes „in Christus“ stillt. „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus." (Epheser 1. 3)

 

In seiner Blindheit erkennt der gefallene Mensch, und davon sind auch die Kinder Gottes nicht ausgenommen, sich selbst und seinen Erretter viel zu wenig. Sonst würde Paulus nicht für die Gemeinde und damit für die Gläubigen in Ephesus beten, dass sie Jesus Christus besser erkennen: „daß der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung, ihn zu erkennen. Und er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid, wie reich die Herrlichkeit seines Erbes für die Heiligen ist und wie überschwenglich groß seine Kraft an uns, die wir glauben, weil die Macht seiner Stärke bei uns wirksam wurde.“ (Epheser 1. 17-19)

 

John Stott schreibt in seinem Büchlein „Einführung ins Christentum“: „Um sein Werk nun recht zu verstehen, genügt es nicht zu wissen, wer er ist, sondern wir müssen auch verstehen, wer wir sind. Er starb für uns. Ein Mensch trat für Menschen ein, einer, der allein für ihre Not zuständig war. Er war zuständig, weil er Gott war. Wir sind in Not, weil wir Sünder sind. Seine Zuständigkeit haben wir untersucht, jetzt müssen wir prüfen, inwiefern wir in Not sind und seine Hilfe brauchen.“

 

Dazu stellen wir uns drei Fragen:

  • Anerkenne ich, dass ich die Erlösung von meinem sündigen Begehren brauche, und anerkenne ich damit Jesus Christus als ewigen König, der allein die Macht hat, mich von den Sünden zu befreien?
  • Nehme ich in Demut die Vergebung meiner Sünden in Christus an und verlasse ich mich auf ihn als den alleinigen Priester?
  • Anerkenne ich die Schrift als das wahre Wort Gottes, das mir die Augen für meine Sünde öffnet und mich zum Gnadenthron führt, zum wahren Propheten, zu Jesus Christus?

Die Frage bleibt nun offen, ob wir demütig genug sind, unsere wahre Not und damit unser wahres Bedürfnis zu erkennen und dem Wort Gottes zu vertrauen, das sagt, dass der Herr unser Hirte ist und es uns darum an nichts mangeln wird: Denn wie sollte Gott uns in seinem Sohn nichts alles geben?

 

Durch die Erlösung sind wir davon befreit, unseren als Bedürfnissen getarnten Begierden zu dienen; vielmehr dienen wir nun Jesus Christus, unserem Herrn und Erlöser. Und unser himmlischer Vater wird uns mit dem versorgen, was wir benötigen, bis wir unserem König ungeteilten Herzens in der Ewigkeit dienen werden.

 

Lied: Er ist der Erlöser

(Melody und Keith Green)

 

Er ist der Erlöser, Jesus, Gottes Sohn, Gottes Lamm, erwählt zu tragen unsrer Sünde Lohn.

Jesus, mein Erlöser, höchster aller Namen, Gottes Lamm, erwählt zu tragen meiner Sünde Lohn.

Einst werd ich ihn sehen in der Herrlichkeit. Meinem König werd ich dienen bis in alle Ewigkeit.

 

Refrain:

Danke, lieber Vater, du gabst uns deinen Sohn.

Dein Geist gibt uns die Kraft zu dienen, bis Jesus wiederkommt.

 

 

Literatur:

Augustinus, Aurelius: Bekenntnisse

Schaeffer, Francis: Die grosse Anpassung. CLV Verlag

Schaeffer, Francis: Tod in der Stadt. Haus zur Bibel

Calvin, Johannes: Institutio

Cushman, Philip: Why The Self Is Empty. Towards A Historically Situated Psychology. American Psychologist. May 1990

Henry, Matthew:Der neue Matthew Henry Kommentar. 3L Verlag

Houben,Hubert: Kaiser Friedrich II. (1194–1250).Herrscher, Mensch, Mythos. Stuttgart 2008, S. 144f.

Insel, Thomas:Is Social Attachement An Addictive Disorder? Physiology and Behaviour 79 (2003)

Owen, John: Von der Abtötung der Sünde. 3L Verlag

Spurgeon, C.H.: Ganz aus Gnaden

Stott, John: Einführung ins Christentum. Brockhaus, Wuppertal 1973

Vitz, Paul: Der Kult ums eigene Ich. Psychologie als Religion. Giessen: Brunnen Verlag

 

 


 

[1] Wanner, Anina. Aargauer Zeitung vom 12. Juli 2018: Schweizer konsumieren 13.7 kg Kilogramm Kokain pro Tag.

[2] Francis Schaeffer hat in seinem Buch „Tod in der Stadt“, das Bedürfnis nach der Bedeutsamkeit des Menschen hervorragend beschrieben und auch den Ausweg aus diesem geistlichen Dilemma aufgezeigt. Die Bedeutung des Menschen liegt darin, dass er als Ebenbild Gottes Verantwortung trägt und dadurch die Geschichte seines Lebens beeinflusst. S. 64 ff.

[3] Der Heidelberger Katechismus (1564): 1. Frage und Antwort: Was musst du wissen, damit du in diesem Trost selig leben und sterben kannst? (Lk 24. 46-47 / 1. Kor 6. 11) Erstens: Wie groß meine Sünde und Elend ist. (Tit 3. 3-7 / Joh 9. 41; 15. 22) / Zweitens: Wie ich von allen meinen Sünden und Elend erlöst werde. (Joh 17. 3) / Drittens: Wie ich Gott für solche Erlösung soll dankbar sein.