Vergangenheitsbewältigung 2: Josef

 

"Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen." 1.Mose 50.19-21

 

Als Josef diese Worte sprach, waren mehr als vierzig Jahre vergangen, seitdem ihn seine Brüder mit siebzehn Jahren an die Sklavenhändler verkauft hatten. Mit diesen Worten nun besiegelte er die Versöhnung zwischen ihm und seinen Brüdern endgültig. Dabei zeigt uns die Antwort an seine Brüder vor allem seine Herzenshaltung, die er schon die ganze Zeit in sich getragen hat.

 

Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Eine lange Zeit, in der Gott an den Herzen der Brüder, aber auch am Herzen von Josef selbst arbeitete. Eine lange Zeit, in der Josef und seine Brüder einen Weg der Heiligung erleben durften, der schliesslich zur Versöhnung in der Familie Jakobs führte, auch wenn diese erst mit dem Tod des Vaters Jakob endgültig abgeschlossen werden konnte.

 

So lernen wir aus der Geschichte Josefs, dass eine Versöhnung manchmal eine lange Zeit braucht – jedenfalls aus der eigenen Perspektive gesehen –; einen langen Weg der Heiligung, der auf der einen oder auf beiden Seiten zur Einsicht Schuld vor Gott und den Menschen führt, bis es endlich zu einer Versöhnung kommen darf. Der Umgang mit der Vergangenheit kann unseren Weg der Heiligung ein ganzes Leben lang prägen.

 

Wir könnten an Josef und seine Familie die Frage stellen: „Wie habt ihr eure Vergangenheit bewältigt?“ War es doch eine Bewältigung ohne offizielle Seelsorger und auch ohne Hilfe eines Psychotherapeuten. Das Leben Josefs wurde unter Gottes souveräner und gütiger Fürsorge bewahrt und zu Gottes Ehre und zum Besten von Josef und seiner Familie geführt. Sehen wir uns zuerst im Zeitraffer Josefs Leben an:

  • Josef wuchs als bevorzugtes und verwöhntes Kind seines Vaters Jakobs auf, der ihn mehr liebte als alle seine anderen Kinder.
  • Gott gab ihm zwei Träume, die die Situation noch verschlimmerten und seine Brüder zur Weissglut gegen ihn trieben.
  • Die Brüder planten Josefs Ermordung, verkauften ihn aber dann als Sklaven nach Ägypten.
  • Josef wurde unschuldig ins Gefängnis geworfen, obwohl er sich als gottesfürchtiger Mann erwiesen hatte.
  • Er wurde vom Mundschenken vergessen, dem er die Wiedereinsetzung ins Amt vorausgesagt hatte.
  • Dann folgte Josefs Erhöhung durch den Pharao und seine Aufgabe, das Volk vor dem Hungertod zu retten.
  • In der Begegnung mit seinen Brüdern hielt er die grosse Spannung aus und führte keine zu schnelle Versöhnung herbei. Stattdessen prüfte er das Herz seiner Brüder: Würden sie wieder so handeln, wie sie mit ihm gehandelt hatten?
  • Schliesslich die Versöhnung mit den Brüdern, die nach dem Tod des Vaters Jakobs den endgültigen Abschluss finden konnte.
  • Die Vergangenheit war damit nicht ausgelöscht oder vergessen. Aber sie war bereinigt durch die Einsicht der eigenen Schuld, durch Gottes souveräne und gütige Führung und die daraus entstandene Versöhnung.

 

Josefs Geschichte zeigt uns, wie er mit Ungerechtigkeit in seinem Leben umging; einem Leben, das von aussen gesehen als sozial aufgezwungen erscheint. Josef scheint das Opfer der Umstände, seiner Eltern und Geschwister zu sein. Wie konnte Josef mit diesen Umständen umgehen; mit der Verzärtelung durch den Vater; mit der Ablehnung und dem Verrat der rachsüchtigen Brüder; mit aller Ungerechtigkeit, die ihm in Ägypten widerfuhr?

 

Josefs Leben war trotz aller widrigen Umstände ein Leben in Freiheit, weil er seinen eigenen Willen dem Willen und der Gerechtigkeit Gottes unterstellte und seinen Lebensweg in Demut der Weisheit und Güte Gottes anvertraute. Er masste sich nicht die Stelle Gottes an: „Bin ich denn an Gottes Statt?“, fragt er seine Brüder. Diese Frage wollen wir näher betrachten, um besser zu verstehen, wie Josef mit seiner Vergangenheit umging.

 

Hinter der Frage „Bin ich denn an Gottes Statt?“ steckt ein demütiges Herz; ein Herz, das sich unter die gewaltige Hand Gottes beugt. Er hatte seinen Brüdern schon vorher gesagt: „Aber Gott hat mich vor euch hergesandt, dass er euch übriglasse auf Erden und euer Leben erhalte zu einer großen Errettung. Und nun, ihr habt mich nicht hergesandt, sondern Gott; der hat mich dem Pharao zum Vater gesetzt und zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrscher über ganz Ägyptenland.“ (Genesis 45. 7-8)

 

Josef sieht sich nicht als Opfer seiner Umstände, seines übermässig liebenden Vaters oder seiner eifersüchtigen

Brüder. Vielleicht hätte er sich gar als Opfer eines tyrannischen Gottes sehen können, der willkürlich über sein Leben bestimmt, oder als Opfer eines machtlosen Gottes, der unfähig ist, Josefs Leben gerechter, angenehmer und vor allem ohne Leid zu gestalten.

 

Eine solche Opferhaltung und das Baden in einem Meer von Selbstmitleid ist Josef fremd. Dieselbe Haltung der Demut sehen wir auch bei Jesus, zum Beispiel auf dem Weg zu seiner Kreuzigung: „Abba, mein Vater, alles ist dir

möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ (Markus 14.36)

 

Ist nicht die Bitte im Vaterunser, „Dein Wille geschehe“, die schwerste Bitte überhaupt, die wir uns vorstellen können? Jesus blickt auch vor dem schrecklichen Tod am Kreuz auf seinen gütigen Vater im Himmel, der souverän sein Leben führt: „Dein Wille geschehe!“ Kein Selbstmitleid, keine Opferhaltung ist bei Jesus festzustellen: Gehorsam unterstellt er seinen eigenen Willen dem guten, barmherzigen und weisen Willen seines himmlischen Vaters.

 

Eine in unseren Augen ungerechte und schmerzhafte Vergangenheit führt uns leicht in die Versuchung zum Selbstmitleid. Diese Haltung hat aber schwerwiegende Folgen, denn sie widersetzt sich im tiefsten der Kern dem Evangelium, nämlich der Vergebung und Versöhnung. Warum?

  • Eine Opferhaltung sieht die Schuld nur beim Nächsten und braucht darum selber keine Vergebung. Darum bleibt ein solches Herz in der eigenen Schuld verstrickt.
  • Eine Opferhaltung kommt aus dem Stolz des Herzens und will keine Vergebung weitergeben, denn dann wäre die Opferrolle hinfällig. Damit wird aber die Versöhnung verunmöglicht.

Eine Opferhaltung steht deshalb der Erlösung in Christus diametrial entgegen. Ich höre immer wieder von Seelsorgern, die dazu raten, Gott nur einmal richtig anzuklagen und ihm Wut und Schmerz entgegenzuschleudern. Gott ertrage dies schon. – Ich glaube auch, dass Gott dies erträgt. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Entspringt ein solches Verhalten einem demütigen, Gott ehrenden Herzen oder der stolzen Selbstgerechtigkeit?

 

C.S. Lewis schreibt in seinem Buch „Gott auf der Anklagebank“ (S. 113) die folgenden, ernst zu nehmenden Zeilen:

„Der Mensch des Altertums nahte sich Gott (und selbst auch den Göttern) in der Haltung des Angeklagten, der vor seinen Richter tritt. Für den modernen Menschen sind diese Rollen vertauscht: Er ist der Richter – Gott sitzt auf der Anklagebank. Gewiss, er ist ein wohlwollender Richter: Falls Gott einen vernünftigen Verteidigungsgrund dafür haben sollte, dass er der Gott ist, der Kriege, Armut und Seuchen zulässt – dann ist der Mensch bereit, ihn anzuhören. Die Verhandlung könnte sogar mit einem Freispruch Gottes enden. Aber das Entscheidende ist: Der Mensch sitzt auf dem Richterstuhl und Gott auf der Anklagebank.“

 

Ähnlich und nicht weniger ernst schreibt Wilhelm Busch in seinem bekannten Buch „Jesus unser Schicksal“:

Das möchte ich zuerst einmal sagen: Die Frage »Warum schweigt Gott?« ist verkehrt gestellt. Sie ist nämlich so gestellt, als wenn da ein Gerichtssaal wäre: Auf dem Richterstuhl sitzt Frau Schulze oder Pastor Busch. Und auf der Anklagebank sitzt Gott und dann sagen wir: »Angeklagter Gott, wie kannst du das alles zulassen? Warum schweigst du?« Ich möchte Ihnen in aller Deutlichkeit sagen: Einen Gott, der uns auf dem Richterstuhl sitzen läßt und sich auf die Anklagebank setzt, den gibt es nicht!“

 

Doch welche innere Haltung ist denn Gott gegenüber angebracht? Es ist die Demut, die um die eigene, grosse Schuld vor Gott und vor den Menschen weiss. Das Gleichnis vom Schalksknecht, das wir in Matthäus 18 finden, zeigt uns einen Menschen, der die Erlösung in Christus und die Vergebung seiner grossen Schuld nur gering schätzt. Und so fordert er sein vermeintliches Recht nach Gerechtigkeit bei seinem Nächsten oder Gott unbarmherzig ein. Der Schalksknecht hält seine eigene Schuld Gott gegenüber für geringer als die Schuld seines Nächsten ihm gegenüber. Er sieht sich als Opfer ungerechter Umstände und nicht als Sünder vor einem gerechten Gott, der ihm „in Christus“ vergeben hat (Epheser 4.31-32).

 

Die Demut erkennt und ist sich bewusst, dass die eigene Sünde blind ist für die Herrlichkeit und Gerechtigkeit Gottes. Die Sünde macht blind für die gnädigen und gütigen Absichten Gottes in unserem Leben. Sünde macht auch taub für das Hören des Wortes Gottes, das uns zum Glauben und damit zu Christus, dem guten Hirten, führt.

Die Demut erkennt und bekennt im Gegensatz zur Opferhaltung die eigene Sünde und Misere und malt sich dann Jesus vor die Augen. Dieser Dreiklang:

  • die eigene Sünde und Misere zu erkennen;
  • Christus sich vor die Augen zu stellen;
  • ein Leben in Dankbarkeit und damit zur Ehre Gottes zu führen,

ist die Haltung eines demütigen Herzen. 

 

Wir finden diesen Gedanken in der zweiten Frage des Heidelberger-Katechismus, aber auch auf den ersten Seiten der Institutio von Johannes Calvin. Dort stellt Calvin die Sündhaftigkeit des Menschen dem ewigen, herrlichen und gerechten Gott gegenüber.

 

Auch Martin Luther will immer wieder als Seelsorger seinem schuldig gewordenen Nächsten Christus vor die Augen stellen. Er beschreibt in seinem Brief an den Augustinermönch Georg Spenlein am 7. August 1516, wie er sich selber Christus vor die Augen malen solle:

„Darum, mein lieber Bruder, lerne Christum und zwar den Gekreuzigten; lerne ihm lobsingen und an dir ganz verzweifeln, zu ihm aber sagen: Du, mein Herr Jesu, bist meine Gerechtigkeit, ich aber deine Sünde: Du hast die meinige angenommen, und mir die deinige gegeben. Du hast angenommen, was du nicht warest, und mir gegeben, was ich nicht war. Hüte dich, je nach einer so großen Reinigkeit zu trachten, darin du nicht mehr dir ein Sünder scheinen, ja sein wollest. Denn Christus wohnt nur in Sündern.“

 

Kinder Gottes, die in der Opferhaltung verharren, brauchen keinen Christus, denn sie sehen sich nicht als erlösungsbedürftige Sünder. Jesus aber wohnt nur in Sündern. Nur demütige Herzen anerkennen, dass sie einen Erlöser brauchen. Wer sich aber als Opfer der Umstände und böser Menschen sieht, sieht sich als Opfer eines ungerechten Gottes.

 

Ein solches Kind Gottes übersieht aber, dass die Barmherzigkeit Gottes, die es durch Jesus erfahren hat, eigentlich die Gerechtigkeit Gottes ist, die Jesus an unserer Stelle erfahren hat. Gott vergibt uns unsere Schuld aufgrund der gerechten Strafe, die er an seinem Sohn Jesus Christus vollzogen hat. Der Sohn Gottes trägt stellvertretend das gerechte Ureil Gottes über unsere Sünde und Feindschaft Gott gegenüber.

 

Ein Mensch, der sich als Opfer eines ungerechten Gottes sieht und von Gott Gerechtigkeit verlangt, fordert damit

„Zorn und Grimm, Trübsal und Angst“ (Römer 2, 8-9) über seine Seele. Wenn wir uns hingegegen in der Barmherzigkeit Gottes in Christus bergen, werden wir nicht gegen die Umstände murren, in die uns Gott geführt hat, sondern gegen unsere eigene Ungerechtigkeit. In den Klageliedern steht geschrieben:

„Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten? Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde! Lasst uns erforschen und prüfen unsern Wandel und uns zum HERRN bekehren!“ (Klagelieder 3.37-40)

 

Eine zweite Aussage Josefs in unserem Text ist ebenfalls hilfreich im Umgang mit der Vergangenheit:

„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist,

nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“

 

Um mit der Vergangenheit auf eine gottesfürchtige Art und Weise in Demut umzugehen, ist es unbedingt notwendig, die folgende Erkenntnis festzuhalten:

  • erstens, Gott führt alles zu unserem Besten („Gott gedachte es gut zu machen“) und
  • zweitens, alles dient zu seiner eigenen Ehre und Verherrlichung („am Leben zu erhalten ein grosses Volk“)

Die Wahrheit, die Josef seinen Brüdern zumutet, verniedlicht das Böse nicht, das er von seinen Brüdern erfahren musste. Ohne zu beschönigen und sie zu schonen, sagte er ihnen, dass sie es böse meinten. Der Mensch des Glaubens beruft sich aber auf das Wort Gottes und das Unsichtbare, und nicht auf das Böse, das ihm angetan wurde. Gott hatte, wie es nun zu Tage gekommen ist, eine gute Absicht mit allen: den Brüdern, dem Vater, und auch mit Josef. Das ist Josefs Bekenntnis.

 

Gott selbst hat ihr böses Herz gebraucht, um sein Volk zu retten. Und dieses Volk, nämlich die vor Grundlegung

der Welt erwählten Kinder Gottes, sind seine Ehre und sein Ruhm, denn „das Volk, das er sich zubereitet hat, soll seinen Ruhm verkündigen.“ (Jesaja 43.21).

 

In seinem Plädoyer fasst Josef diese zwei Wahrheiten zusammen: Alles dient zu unserem Besten und zu Gottes Ehre.

 

Gott gedachte es gut zu machen

Das ist Josefs Grundhaltung, wie wir sie auch bei Mose und bei Jesus finden: nicht auf Grund der Umstände zu

sündigen, sondern an der Güte und Treue Gottes festzuhalten. Josef wollte nichts Ungerechtes tun und sich nicht als Opfer der Umstände betrachten. Er hielt daran fest, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten dient (Römer 8.28-29) – auch inmitten von Ungerechtigkeit. Er widerstand der Versuchung durch Potiphars Frau mit den Worten:

 

„Siehe, mein Herr kümmert sich, da er mich hat, um nichts, was im Hause ist, und alles, was er hat, das hat er unter

meine Hände getan; er ist in diesem Hause nicht größer als ich, und er hat mir nichts vorenthalten außer dir, weil du seine Frau bist. Wie sollte ich denn nun ein solch grosses Übel tun und gegen Gott sündigen?“ (Genesis 39.8-9)

 

Josef ist überzeugt davon, dass Gott ihm nichts vorenthält und es gut mit ihm meint. Darum will er nicht sündigen und auch angesichts der Versuchung zur kurzfristigen, irdischen Freude kein Unrecht gegen seinem gütigen, himmlischen Vater tun. Paulus bestätigt diese Güte Gottes gegenüber seinen Kindern im Brief an die Römer: 

„Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns

mit ihm nicht alles schenken?“ (Römer 8.32)

 

Auch im Leiden unseres Herrn Jesus Christus erkennen wir die Güte Gottes für uns. (Hebräer 12.2). Sein Leiden

führt zur Freude unserer Gemeinschaft mit Jesus selber (1. Korinther 1.9). Dafür starb Jesus an unserer Stelle am Kreuz. Wir lesen im 2. Korinther 5.21:

„Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

 

Einerseits hat Jesus unsere Sünde am Kreuz getragen. Andererseits verleiht er uns seine Gerechtigkeit, die wir von

nun an unsere eigene nennen dürfen. Im obigen Vers gilt es zwei Punkte zu beachten:

  • Erstens: Jesus selbst ist die uns von Gott gegebene Gerechtigkeit. Damit ist er das Wichtigste, was wir überhaupt haben können. „Denn sollte Gott uns in seinem Sohn nicht alles schenken?“, fragt Paulus im Römerbrief rhetorisch. Ist uns Jesus alles wert? Mehr wert als unsere eigenen Wünsche und ein Leben, das unseren Vorstellungen entspricht? Sättigt er allein unsere Seele, oder wollen wir sie mit einem Leben sättigen, das nach unseren Vorstellungen verläuft?
  • Zweitens: Jesus hat alles getan hat, um uns diese Gerechtigkeit zu geben. Und beachte: Der Herr hat uns diese Gerechtigkeit mit seinem Leiden und Tod erworben, indem er an unserer Stelle und uns zugut zur Sünde gemacht wurde. 

 

Angesichts dieser Güte Gottes bezeugt Josef seinen Brüdern: „Aber Gott gedachte es gut zu machen!“ Daraus erhellt, was die Grundlage seines erfüllten Lebens ist: die Furcht Gottes und der Glaube. Diese Gottesfurcht – lieber nicht sündigen und dafür Ungerechtigkeit erleiden; dieser Glaube – Gott meint es gut, und er selbst ist der Reichtum, der unsere Seele sättigt; das war die Haltung seiner Seele. Wir lesen dazu im Brief an die Hebräer (11.24-26):

 

„Durch den Glauben wollte Mose, als er groß geworden war, nicht mehr als Sohn der Tochter des Pharao gelten,

sondern wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden, als eine Zeitlang den Genuss der Sünde haben, und hielt die Schmach Christi für größeren Reichtum als die Schätze Ägyptens; denn er sah auf die Belohnung.“

 

Um am Leben zu erhalten ein grosses Volk: Der Ruhm Gottes

Die zweite Grundlage für die Vergangenheitsbewältigung ist die Erkenntnis, dass alles zu Gottes Ruhm dient. Zu diesem Ruhm gehört das grosse Volk, gehören die Kinder Gottes aller Zeiten. Sie sind sein Ruhm und seine Ehre, erlöst „zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.“ (Epheser 1.6)

 

Josefs Geschichte mit ihren Leiden gehört zu Gottes Heilsplan mit seinem Volk. Was Josef damals aussprach, war der Hinweis auf die Demut Christi, der der Güte seines himmlischen Vaters vertraute. Er nahm an unserer Stelle das Leiden auf sich, um die Freude der Gemeinschaft mit seinem Volk – mit uns – zu erlangen: die Freude, die selbst im Angesicht des Todes am Kreuz für unsere – nicht seine(!) – Ungerechtigkeit und Sünde erfahren werden kann. So lesen wir es im Vers 2 des 12. Kapitels des Hebräerbriefes:

 

„Indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“

 

Der Gehorsam aus Liebe führt zum Ruhm und zur Verherrlichung Gottes. Die Erlösung seines Volkes dient allein zu

seinem Ruhm und zu seiner Ehre. Die Märtyrer, die in Offenbarung 4 erwähnt werden, wissen es: Ihre Gerechtigkeit im Leiden ist nicht ihr Verdienst und dient nicht zu ihrem Ruhm. Sie haben den Ruhm der Krone der Gerechtigkeit und des Lebens (2. Timotheus 4.8 und Jakobus 1.12) von Jesus als Gnadengabe empfangen.

 

Darum werfen sie sich vor dem Lamm nieder, beten es an und „legten ihre Kronen nieder vor dem Thron und sprachen: Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offenbarung 4.10ff.)

 

Die Schrift lehrt uns, mit Leiden und damit auch mit unserer Vergangenheit richtig umzugehen. Darüber sollten wir nicht diskutieren, denn diese Wahrheit ist für unseren Verstand zu hoch. Wie Hiob müssten wir über unser eigenes, anscheinend besseres Wissen und arrogantes Rechten mit Gott Busse tun. Wenn wir jedoch über die Geheimnisse Gottes debattieren, die er uns in der Schrift offenbart hat, tun wir wie Adam und Eva: Wir geben uns der Torheit der Sünde hin und diskutieren mit der Schlange, ob Gott es tatsächlich so gemeint habe, wie er es gesagt hat.

 

Die Vergangenheit wird bewältigt, nicht indem wir auf Grund der Sünde anderer, die an uns begangen worden ist, gegen unsere Nächsten und unseren heiligen Gott sündigen, sondern indem wir auf das Unsichtbare blicken: auf Jesus Christus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, und seine Herrlichkeit. Wir leben „in Christus“, und das heisst an seinem Leiden teilzuhaben, das er für unsere Sünden auf sich genommen hat. So sagte eine Sklavin, die wegen ihres Glaubens gefoltert wurde: „Im Leiden wird ein anderer für mich da sein, der für mich leidet, wenn ich für ihn leide.“ (Armin Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte. S.33)

 

Andererseits haben wir in der Gemeinschaft mit Christus auch die Teilhabe an seiner Herrlichkeit. Damit geben wir Gott die Ehre:

 

Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ (2. Korinther 4.6)

 

Josef gab seinen Brüdern den Auftrag, ihrem Vater Jakob von der Herrlichkeit seines Sohnes in Ägypten zu berichten (1. Mose 45.13). Er wusste, wie glücklich und zufrieden sein Vater über diese Botschaft sein würde (John Owen, Die Herrlichkeit Christi, S. 12).

 

Genau darum geht es auch bei Jesus: Er will und betet dafür, dass seine Kinder die Herrlichkeit Gottes sehen sollen (Johannes 17.24, Hebräer 7.23ff). Wir werden die Herrlichkeit Christi im Schauen seines Angesichts erkennen. Und dies erleben wir, indem wir uns weder von der Sünde anderer noch von der eigenen Sünde betrügen lassen, sondern in aller uns widerfahrenen Ungerechtigkeit an der Gerechtigkeit und Güte Gottes festhalten. So taten es Mose und Josef, die lieber Ungerechtigkeit erleiden wollten, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben. Und so tat es Stephanus mit seinem Schrei „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“, als er kurz vor seiner Steinigung die Herrlichkeit des erhöhten Christus sehen durfte. An ihnen allen erfüllte sich die Verheissung des Herrn in der Bergpredigt:

 

„Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ (Matthäus 5.8)

 

Josef akzeptierte Gottes souveräne Führung in seinem Leben. Die Gerechtigkeit und die Ehre Gottes waren ihm wichtiger als die Erfüllung seiner eigenen Wünsche und Begierden. Dieses Verlangen im Trachten nach dem Reich Gottes war die Speise seiner Seele. Und Jesus sagt von sich, dass er durch den Gehorsam gesättigt wird:

 

„Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.” (Johannes 4.34)

 

Josef durfte ein wichtiges Puzzleteil in Gottes grossem Erlösungswerk sein. Wir werden dies nie im gleichen Sinne sein können wie Josef (vgl. Wilhelm Busch, Spuren zum Kreuz. Christus im Alten Testament, S. 37ff). Durch unseren in Christus geschenkten Gehorsam gegenüber Gott wird nicht das Volk Gottes hergestellt. Das ist bereits geschehen. Aber indem wir die souveräne Führung unseres Erlösers und die Güte Gottes in unserem Leben festhalten, spiegeln wir die Herrlichkeit Gottes in gerechter Weise und vermehren dadurch seine Ehre, seine Herrlichkeit und sein Lob in dieser Welt. Und dies ist Auftrag jedes einzelnen Kindes Gottes und damit der erlösten Gemeinde Jesu Christi.

 

Literatur

  • Busch, Wilhelm ( 2014): Jesus unser Schicksal. Neukirchener Verlag
  • Busch, Wilhelm (1965): Spuren zum Kreuz. Christus im Alten Testament. Gladbeck: Schriftenmissions-Verlag
  • Lewis, C.S. (1995): Gott auf der Anklagebank. Giessen: Brunnen Verlag
  • Mosebach, Martin (2018): Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt
  • Jones, Robert D. (2011): Quälende Erinnerungen. Wie Sie mit Ihrer Vergangenheit umgehen können. Kleine Seelsorgereihe Nr. 12. Waldems: 3L Verlag
  • Owen, John (2001): Die Herrlichkeit Christi. Waldems: 3L Verlag
  • Powlison, David (2013): Leben trotz Versagen der Eltern. Kleine Seelsorgereihe Nr. 19. Waldems: 3L Verlag
  • Sierszyn, Armin (2013): 2000 Jahre Kirchengeschichte. Witten: SMH Brockhaus Verlag
  • Sproul, R. C. (1996): Die Heiligkeit Gottes. Neuhausen-Stuttgart: Hänssler Verlag