Zwei Autisten sprechen.

 

 

 

 

 

 

Autorin: Pamela Gannon [1]

 

Zwei Autisten sprechen über ihr Handicap

 

In einem Blog mit dem Titel „Autismus spricht“, welcher am 23. Oktober 2017 von BCC (Biblical Counseling Coalition) veröffentlicht wurde, betrachte ich kurz Themen, mit denen Eltern von autistischen Kindern konfrontiert werden und gebe Hinweise für die Seelsorge.

 

In diesem Blog erhalten auch zwei junge autistische Erwachsene eine Stimme, damit wir lernen, wie wir autistische Personen und ihre Familien am besten seelsorgerlich begleiten können. Ich habe ihre Antworten auf meine Fragen und meine persönlichen Gedanken der Einfachheit halber zusammengestellt und etwas gekürzt.

 

Frage von Pamela Gannon: Wie sollten wir mit jemandem umgehen, der zum autistischen Spektrum gehört?

Antworten: Bitte, erwähnt diesen Begriff „autistisch“ nicht. Für uns bedeutet diese Bezeichnung, dass wir „weniger wert“ sind. Wir haben aber nur verschiedenartige Feineinstellungen, wie z.B. diejenige von stark oder fein eingestellten Bremsen. Wir haben nicht den Verstand verloren, wir sind nur andere Personen mit verschiedenartigen Prozessen und wir unterscheiden uns nur in dem, wie wir die Dinge sehen, analysieren und tun.

Sprecht über Dinge, an denen wir interessiert sind. Ignoriert oder verachtet uns nicht, wenn das, was wir sagen, aus eurer Sicht ein wenig ungewöhnlich oder komisch ist. Stellt viele Fragen. Zeigt Interesse an unserem Leben. Sprecht über Dinge, die wir wirklich verstehen. Dann sprecht auch sorgfältig über eure Ansichten und erklärt, warum ihr so denkt, wie ihr denkt.

 

Was würdet ihr Eltern raten, damit sie ihrem autistischen Kind näher kommen und es besser verstehen können?

1. Eltern sollten ihrem Kind nicht vorwiegend so begegnen, wie wenn es vor allem professionelle therapeutische Hilfe brauchen würde. Sie sollten ihrem Kind in liebevoller Zuwendung zeigen, wie das Leben funktioniert und ihm dabei helfen, obwohl zwischendurch auch eine sehr klare und zielgerichtete Führung nötig ist. Denn wir sind alle Sünder.

2. Fragt als Eltern, warum ein autistischer junger Mensch liebt, was er liebt. Sprecht darüber, wie er verschiedene Dinge versteht. Stellt ihm Fragen wie: “Warum denkst du, dass wir dieses Thema angehen sollen?“ oder „Wie denkst du darüber, was im Leben wichtig ist und was hilft, damit das Leben funktioniert?“

 

Was sollte man über Menschen mit autistischen Verhaltensweisen wissen?

1. Wir erleben den Alltag anders, manchmal bringen wir Dinge durcheinander, ohne dass wir eine Ahnung von den „gesunden“, neurotypischen Menschen haben. Wir haben keine Möglichkeit zu lernen, wie und warum die anderen so denken, wie sie denken. In menschlichen Beziehungen werden wir oft enttäuscht, worauf wir uns dann dazu verleiten lassen, uns von den anderen zu distanzieren.

2. Wir versuchen, mit dir in Kontakt zu kommen, indem wir dir gegenüber Interesse zeigen. Wir wollen nicht, dass du dich gelangweilt oder unwichtig fühlst. Z.B: Wenn ich mich für Batterien interessiere, zeige ich dir, dass du mir wichtig bist, indem ich mit dir über Batterien spreche.

3. Es ist gut, wenn du weisst, dass wir sehr schnell überfordert sein können, weil unsere psychischen „Filter“ nicht so gut funktionieren. Es fällt uns schwer, Geräusche und Gerüche zu ignorieren oder auch visuelle Stimuli und Berührungen. Z. Bsp. kann es sein, dass wir andauernd die Kleider auf unserem Körper spüren. Wir empfangen sehr viele unterschiedliche Informationen zur gleichen Zeit, vor allem an Orten, die laut und stark belebt sind.

 

Welches sind für euch die grössten Schwierigkeiten, zu Menschen aus dem autistischen Spektrum zu gehören?

1. Es ist schwierig, zu erleben, dass du etwas nicht hast, was andere haben oder etwas nicht verstehst, was für andere selbstverständlich ist. Du fühlst dich so, als ob du in einem fremden Land leben würdest und du die Sprache dieses Landes nicht verstehen könntest. Wir wissen, dass wir anders sind und das frustriert uns.

2. Manchmal passiert es, dass du vollkommen überfordert bist, wenn du die übermässig vielen Gedanken nicht einordnen kannst. Dann hältst du dich an einem Gedanken fest und beharrst auf dem, was dir gerade am wichtigsten erscheint. Das Kind will vielleicht unbedingt seine Spielsachen in einer ganz bestimmten Art arrangieren, bevor es weggehen muss. Oder jemand will sich zuerst auf die Hüfte schlagen, bevor er dem Hund das Futter vorsetzt. Psychologen würden solche Verhaltensweisen als eine Zwangsstörung bezeichnen.

 

Welche Vorteile hat eine autistisch veranlagte Person?

1. Wir entwickeln eine einmalige Perspektive aufs Leben. Wir können andere autistische Menschen treffen, welche die Welt auch speziell sehen, und wir erleben dann viel Spass zusammen.

2. Da uns z.T. diese „Filter“ fehlen, sind wir in verschiedenen Bereichen besonders kreativ: Z.B. in Kunst und Musik. Es fällt uns auch leicht, Fantasietexte zu schreiben. Und wir haben die Fähigkeit, Geräusche und visuelle Eindrücke verschiedenen Bedeutungen zuzuordnen. Wir denken ausserhalb der Schachtel und ausserhalb des Gewohnten. So kreieren wir gerne ungewöhnliche Lernmethoden, was manchmal unsere strukturiert denkenden Lehrer ärgert.

 

Wie können Eltern ihr autistisch begabtes Kind am ehesten motivieren?

1. Wenn etwas für uns besonders wichtig ist, verbringen wir gerne viel Zeit damit. Ich zum Beispiel habe für mich entschieden, dass ich soziale Interaktionen besser verstehen will. Deshalb investiere ich extra viel Zeit in dieses Projekt. Leider kämpfe ich mit verschiedenen Schwierigkeiten, weil ich nicht immer weiss, was wichtig und was unwichtig ist.

2. Eltern sollten ihre Kinder in den Grundregeln der Gesundheits- und Körperpflege anleiten und sie in der regelmässigen Durchführung dieser Routinehandlungen unterstützen. Wenn wir uns pflegen und sauber sind, zeigen wir unseren Mitmenschen, dass wir sie lieb haben. „Weiter, liebe Brüder, was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob - darauf seid bedacht.“ Philipper 4, 8-9

3. Es ist wichtig, dass wir regelmässig an ein entsprechendes Verhalten erinnert werden. Gute Verhaltensregeln befreien uns vom grossen Druck, aus all den für uns möglichen Verhaltensformen das Passende zu finden. Wir sind viel schneller durcheinander als „normale“ Kinder, aber Eltern können helfen, dass wir nicht im Meer von eigenen Ideen untergehen. 4. Ablenkungen sollten vermieden werden, so dass Kinder sich besser auf das Wesentliche konzentrieren können.

 

Wie passt Gott in eure von Autismus geprägte Welt?

Ich denke einfach, dass Gott mich gemacht hat, wie ich bin. So bin ich eine Person, die in Schwarz-Weissbildern denkt. Es gibt für mich nur zwei Möglichkeiten, entweder gibt es einen Gott oder es gibt ihn nicht. Und weil ich denke, dass Gott existiert, sehe ich keinen Anlass dafür, weiter darüber zu diskutieren. Also bin ich nicht derjenige, der Gottes Existenz verteidigen könnte. Mein Argument ist und bleibt, es gibt Gott - also gibt es ihn. Diese Ansicht macht es mir wahrscheinlich einfacher, an einen Gott zu glauben.

 

Wie hat deine Errettung durch Jesus Christus dein Denken und Handeln verändert?

Es gibt Gott, also gibt es Ihn. Durch diese Wahrheit hat sich alles verändert. Autoritätspersonen, die über mich gestellt waren, verlangten von mir, dass ich mich nach sozialen Normen richtete. Das verstand ich nicht. Ich scheute mich zunehmend vor vermeidbaren sozialen Interaktionen und ich wollte gar nicht mehr herausfinden, warum die Leute so dachten, wie sie dachten. Folglich flüchtete ich mich in Ersatzhandlungen. Ich wich der Erziehung meines Vaters aus, weil er mich während der eher seltenen Begegnungen meistens strafte. Als ich mich dann aber für ein Leben mit Gott entschied, realisierte ich, dass ich vorher „tot“ gewesen war.

 

Jetzt ist meine Beziehung zu Gott in Ordnung, ich habe die Hoffnung, dass ich es lernen werde, andere besser zu verstehen. Und ich sehe, dass es mehr gibt als nur das Leben auf dieser Erde. Mein autistischer Wesenszug hat mich von anderen Menschen in Gottes Familie unterschieden, aber die Errettung habe ich genau gleich erlebt. Wir sind alle Glieder am Leib des Königs, und wir teilen die Absichten des Königs mit uns Menschen.

 

Wie geht es euch mit dem emotionalen Bereich?

1. Ich stelle Emotionen meist ab, weil sie mich verunsichern. Dann denke ich vermehrt nach. Gefühle kann ich schlecht ausdrücken, aber ich versuche es trotzdem. Ich verstehe sie wenig bis gar nicht. Weder die Gefühle von anderen noch meine eigenen. Und es ist für mich schwierig, zu wissen, wie ich reagieren könnte. Deshalb ist es auch möglich, dass ich Emotionen falsch interpretiere oder falsch reagiere.

2. Gefühle können mich total verwirren. Und trotzdem sind sie ein Teil jeder Erinnerung und jedes besonderen Ereignisses mit unzählbaren Variationen und Vermischungen. Ich halte meine Emotionen oft zurück, weil die Art, wie ich sie ausdrücken würde, von neurotypischen Menschen als dümmlich angesehen werden könnte. Begeistert zu sein bedeutet für mich, körperlich in Bewegung zu kommen. Und das kann wirklich komisch aussehen!

3. Musik war für mich eine enorme Hilfe, andere verstehen zu lernen. Dadurch, dass sie klare Strukturen hat, können die meisten Menschen durch Musik einfacher miteinander in Verbindung treten.

 

Was ist das Allerwichtigste für euch?

Das Allerwichtigste ist, dass alle Menschen Gott kennenlernen. Und dass wir als Teil seiner Schöpfung, die er voller Liebe gemacht hat, geliebt werden, egal wie unsere psychischen Möglichkeiten sind. Dazu gehört etwas Ähnliches, nämlich dass wir einander ohne Vorurteile lieben. Es ist nicht wichtig, wie stark wir mental sind, wie reif unser Glaube ist, wie gesund oder wie reich wir sind. Wir sollen einander nicht so lieben, wie die Welt es tut, denn das wäre sinn- und nutzlos.

 

Wie könnten andere euch noch besser verstehen?

Es braucht einige Zeit, bis ich eine andere Person verstehen kann (vielleicht ist das so, weil ich autistische Einschränkungen habe). Aber bedenkt, dass ihr auch einige Zeit braucht, um eine Person mit autistischen Besonderheiten zu verstehen. Wenn ihr es lernt, eine solche Person wie mich zu verstehen, werdet ihr vielleicht beginnen, unsere Besonderheiten und Andersartigkeiten zu lieben. Genauso wird es uns mit euch gehen. Wir werden eure Andersartigkeit nach und nach lieben lernen.

 

Fragen zum Überlegen:

1. Wie können wir diese obigen Informationen nutzen, so dass wir es mehr und mehr wagen, in Kontakt mit andersartigen Menschen zu kommen? “Meine Brüder ud Schwestern, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.“ Jakobus 2, 1-5

 

Ist es Sünde, komisch oder andersartig zu sein?

Wer sagt, welche Person komisch oder andersartig ist?

 

2. Als menschliche Kreaturen, die nach Gottes Bilderschaffen wurden, sind wir viel eher ähnlich als unterschiedlich. Gott hat für uns alle dieselbe Bestimmung.

 

Auf welche Art und Weise kann eine autistische Person Gott die Ehre geben?

 

„Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viel Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gotterwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme." 1. Korinther 1, 26-29

  

[1] Pamela Gannon ist Professorin in Biblischer Seelsorge am Montana Bible College und zusammen mit ihrem Mann, Dan, Kommunikationsbeauftragte des ACBC für medizinische Fragen

[2] Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Washington, DC: American PsychiatricAssociation, 2000. Seiten 70-75

 

 

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 22. November 2017 von BCC (Biblical Counseling Coalition www.biblicalcc.org veröffentlicht und wurde mit freundlicher Genehmigung der BCC übersetzt (Translation kindly permitted by BCC).

 

Übersetzung: Yvonne Ballmer