Lobe Gott in deiner Familie

 

„VON DAVID. Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!“

 

Psalm 103,1

 


 

Kurzfassung: Die traditionelle Familie als die kleinste, aber gleichzeitig auch unentbehrlichste soziale Einheit, wird gegenwärtig sozial-ethisch stark hinterfragt und angegriffen. Die Aufgabe der christlichen Familie ist es, das Lob Gottes zu verbreiten, indem sie die Gerechtigkeit und Herrlichkeit Gottes reflektiert. Wir fragen zuerst nach dem Ort, wo das Lob Gottes entsteht, und dann nach seinem Ursprung und Wesen. Zuletzt werden wir an drei Beispielen darüber nachdenken, wie wir als Eltern das Erkannte konkret und praktisch umsetzen können.

 

Unser traditionelles Familienverständnis von Mann und Frau und ihren Kindern ist wohl noch nie so heftig kritisiert, hinterfragt und auch öffentlich demontiert worden wie heute. Ein solches Familienbild sei einer fortschrittlichen Schweiz nicht förderlich, wird öffentlich im Hinblick auf wirtschaftliche, politische, und soziale Interessen und Gerechtigkeit argumentiert. So wurde am 28. Februar 2016 die Volksinitiative gegen die Heiratsstrafe knapp mit 50.8% abgelehnt. Nachdem der Nationalrat am 8. März nun Ja zur Stiefkinderadoption von homosexuellen und Konkubinats-Paaren gesagt hat, bestätigte nun am 30. Mai 2016 der Ständerat diesen Entscheid. Der Schritt zu einer liberalen Gesellschaft sei nur noch klein, war eine Stimme, welche anschliessend im Parlament zu hören war (Aargauer Zeitung vom 31. Mai 2016, S. 5).

 

Die Familie ist jedoch der soziale Kern jeder Gesellschaft, sowohl des Staates wie auch der sichtbaren christlichen Gemeinde. Die soziale und ethische Bedeutung der Familie für die Gesellschaft hat der bekannte Pfarrer Jeremias Gotthelf [Jeremias Gotthelf, *4. Oktober1797 in Murten; † 22. Oktober 1854 in Lützelflüh, war das Pseudonym des Schweizer Schriftstellers und Pfarrers Albert Bitzius] im 19. Jahrhundert mit deutlichen Worten zusammengefasst: "Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland." [Quelle: Eines Schweizers Wort an den Schweizerischen Schuetzenverein, Bern 1842, S. 15]

 

Jeremias Gotthelf lässt keinen Zweifel offen, wo es zu leuchten beginnen soll: Der Ort ist die Familie.  Aber diese Feststellung führt uns gleich zur nächsten Frage: Was soll denn leuchten? Um diese Frage zu beantworten, beginnen wir im wahrsten Sinne des Wortes bei Adam und Eva.

 

Seit seiner Erschaffung sollte der Mensch als Ebenbild Gottes dessen Herrlichkeit und Gerechtigkeit auf der Erde widerspiegeln. Jeremias Gotthelf hat zu Recht erkannt, dass dieses Leuchten in der Familie beginnen soll: Unsere ersten Eltern sollten als Ebenbild Gottes die Gerechtigkeit Gottes durch ihren Nachwuchs auf der Erde verbreiten. [Siehe dazu: Beale, Gregory K. (2011): Der Tempel aller Zeiten. Die Wohnung Gottes und der Auftrag der Gemeinde. Eine biblisch-heilsgeschichtliche Studie. Oerlinghausen: Bethanien Verlag]

 

Diese Aufgabe haben wir als christliche Familien immer noch. Sie ist mit dem Sündenfall nicht sistiert worden. Die Gerechtigkeit und Herrlichkeit Gottes soll weiterhin im „Vaterland“ leuchten und damit zum Lobe Gottes beitragen. Wir stellen uns nun die Frage, wie wir als Familie die Herrlichkeit und Gerechtigkeit Gottes verbreiten und so zum Lob Gottes beitragen können. Ein Psalm hilft uns, diese Frage aus dem Wort Gottes zu beantworten.

 

"EIN PSALM DAVIDS. Von Gnade und Recht [Hebräisch: mishpat] will ich singen und dir, HERR, Lob sagen. Ich handle umsichtig und redlich, daß du mögest zu mir kommen; ich wandle mit redlichem Herzen in meinem Hause. Ich nehme mir keine böse Sache vor; ich hasse den Übertreter und lasse ihn nicht bei mir bleiben. Ein falsches Herz muß von mir weichen. Den Bösen kann ich nicht leiden. Wer seinen Nächsten heimlich verleumdet, den bring ich zum Schweigen. Ich mag den nicht, der stolze Gebärde und hoffärtige Art hat. Meine Augen sehen nach den Treuen im Lande, daß sie bei mir wohnen; ich habe gerne fromme Diener. Falsche Leute dürfen in meinem Hause nicht bleiben, die Lügner gedeihen nicht bei mir. Jeden Morgen bring ich zum Schweigen alle Gottlosen im Lande, daß ich alle Übeltäter ausrotte aus der Stadt des HERRN." Psalm 101

 

Dieser Psalm ist von den Puritanern als Familienpsalm angesehen worden. So hat ihn Matthew Henry  [Matthew Henry. * 18. Oktober 1662 in Broad Oak, Flintshire; † 22. Juni1714 in Nantwich, Cheshire. Er gehörte zu den Puritanern und war ein presbyterianischer Pfarrer und Bibelkommentator] als erster in seinem Psalmenkommentar als Haushalter-Psalm bezeichnet. Für die Puritaner war das Wort Gottes die einzige erdenkliche Wegweisung, um die Familie führen zu können. Und in diesem Psalm fanden die puritanischen Familien die Anleitung, um ihren Familien vorstehen und Halt geben zu können. Der Psalm nennt zwei Güter des Familienlebens und des Christenlebens überhaupt, die zum Lobe Gottes führen: Es sind dies Gnade und Recht. „Gnade“ und „Recht“ sind die Grundlage für das Lob Gottes, zu dem wir alle berufen sind – besonders auch die Familie, ist sie doch kleinste, aber gleichzeitig wichtigste soziale Einheit. Man könnte auch sagen, dass es die kleinste Gemeinde Gottes ist. Die Familie ist der Ort, wo unser geistliches Leben gedeiht oder eben versagt. Wir lesen in diesem Psalm von David:

 

"Von Gnade und Recht will ich singen und dir, HERR, Lob sagen. Ich handle umsichtig und redlich, daß du mögest zu mir kommen; ich wandle mit redlichem Herzen in meinem Hause."

 

Wir finden interessanterweise in diesem Psalm keine Regeln oder Anweisungen, wie Familienandachten zu gestalten sind. Der Text gibt keine Empfehlungen ab, wie man mit Kindern Loblieder singt, betet oder die Bibel liest, wie wir es vielleicht erwartet haben – auch wenn alle diese Aktivitäten zum Lob Gottes dienen und führen. Dieser Psalm zeigt uns zuerst einmal den Ort auf, wo das Lob Gottes beginnt. Weiter führt er uns zum Was, nämlich zur Ursache des Lobes Gottes hin. Denn so lesen wir in unserem Psalm: "Ich wandle mit redlichem Herzen in meinem Hause."

 

Der Ort und die Ursache, aus dem das Lob Gottes entspringt, ist unser verändertes Herz. Es ist der Mensch als Ebenbild Gottes, der durch die Gnade und Barmherzigkeit Gottes zur Erkenntnis Christi geführt wurde und dadurch wieder die Herrlichkeit Gottes spiegeln kann. Der Kirchenvater Aurelius Augustinus beschreibt Ort und Ursache der Gnade in seinen „Bekenntnissen“ [Augustin, Aurelius. Bekenntnisse. X.6] :  Nicht zweifelhaft, sondern sicher ist mein Bewusstsein, dass ich dich liebe, o Herr. Mit deinem Worte hast du mein Herz getroffen, und ich habe dich geliebt."

 

Diese Gnade stellt das Ebenbild Gottes wieder her, so dass wir Gottes Herrlichkeit statt unserer Ehre reflektieren (Epheser 4. 18). Paulus beschreibt die Auswirkung der Gnade Gottes:

 

"Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist." 2. Korinther 3, 18

 

Wir stellen nun fest, dass

  • der Ort des Lobes das menschliche Herz ist.
  • die Ursache des Lobes ein vom Wort Gottes getroffenes und damit verändertes Herz ist.

Das Lob Gottes in einer Familie beginnt in meinem Herzen. Die Ursache liegt in der Gnade Gottes, die die Herzen der Eltern und unserer Kinder verändert, und zwar durch sein Wort und seinen Geist. Diese Veränderung der Herzen ist die Grundlage und Ursache für das Lob Gottes

  • in der Familie.
  • im Leben innerhalb der Gemeinde Gottes.
  • im Leben in der Öffentlichkeit.

Die Aktivitäten aus diesen veränderten Herzen sollen unser ganzes Leben zur Ehre und zum Lob Gottes werden lassen (1. Korinther 10, 31). Für die Eltern sind dies die Ehe, die Familie und der Arbeitsplatz. Dazu gehören auch die Erziehung, das Windelnwechseln, das geduldige Zuhören und das weise Begleiten der Kinder. Für die Kinder sind es das fröhliche Ausführen der Hausarbeiten, das sorgfältige Erledigen der Hausaufgaben und das respektvolle Zusammenleben mit den Geschwistern, aber auch der Gottesdienst, das Gebet, das Bibellesen und die gemeinsame Zeit der Kinder mit den Eltern.

 

Wir können aus diesem Psalm einen Reichtum von Weisheit und Erkenntnis schöpfen, wie das Familienleben vor Gott und der Welt aussehen soll. Und dieser Reichtum und diese Weisheit aus dem Wort Gottes führen zur Erkenntnis, wie wir als Familie zum Lob und Ehre Gottes leben dürfen.  Was können wir nun aus diesem Psalm lernen? Unter anderem diese zwei Aspekte:

  1. Veränderung beginnt in meinem Herzen.
  2. Führen geschieht durch Gnade und Recht.

 

1. Veränderung beginnt in meinem Herzen

David schreibt: "Ich will singen."  David beginnt mit dem Lob Gottes bei sich selbst. Er schreibt nicht, wie wir erwarten könnten, „Wir wollen singen“, um damit sein Volk oder seine Familie in seinen Worten in das Lob Gottes mit einzuschliessen. David erwartet nicht unterschwellig, dass seine Familie mitsingt. Er weiss, dass die Veränderung unserer Herzen und damit das Lob Gottes eine Frucht des Heiligen Geistes ist und nicht etwa ein Werk sein können. Diese Unterscheidung von Frucht und Werk ist wesentlich.

 

Natürlich können wir aus eigener Kraft zumindest ein Stück weit Gottes Lob produzieren. Damit wird aber das Lob Gottes zum Gesetz, zum Werk des christlichen Lebens, und ist dann keine Frucht des Heiligen Geistes mehr. Ein solches Vorgehen kostet einerseits viel Kraft, und anderseits werden unsere Ehepartner und unsere Kinder bald erkennen, dass wir damit die Forderungen des Gesetzes aus eigener Kraft erfüllen wollen, um unsere eigene Gerechtigkeit aufzurichten. Damit schätzen wir aber die Gerechtigkeit gering, die Christus für uns an unserer Stelle erworben hat.

 

Der sündhafte Versuch, das Gesetz aus eigenem Vermögen zu halten hat zumindest drei folgenschwere Auswirkungen:

  •  Einerseits ist es das Gegenteil vom Lob Gottes, denn es verunehrt Gott und schmälert sein Erlösungswerk.
  • Sodann hält es unsere Kinder von einem echten Glauben fern, weil Kinder unser Leben zu Recht als Heuchelei empfinden.
  • Schliesslich belastet es unsere Ehe, die ja ein Abbild der Gemeinschaft und des Gnadenbundes zwischen Christus und seiner Gemeinde ist.

Das sind drei fatale Konsequenzen, die einem Leben entspringen, das sich wohl mit den Lippen zum Glauben und zur Gnade bekennt, aber nicht aus einem redlichen Herzen stammt, wie es David beschreibt.

 

Die Ursache eines aufrichtigen Lobes Gottes ist ein redliches Herz, das uns Gott in seiner Barmherzigkeit bereitet. Der erste Schritt zu einem redlichen Herzen ist das Bekenntnis, dass nur Gott uns ein solches verändertes Herz schenken kann. Aurelius Augustinus, der Kirchenvater und „Lehrer der Gnade“ aus dem 5. Jahrhundert, hat ein solches Bekenntnis und Gebet formuliert. Denn er erkannte, dass nur die Gnade allein erlösen kann und dass Menschenwerk vergebliche Mühe ist. Er betete darum zu Gott: "Gib, was du befiehlst und befiehl, was du willst."

 

Unsere Aufgabe in der Familie ist zu Gottes Lob zu leben. Es ist ein Schritt der Demut zu erkennen, dass wir das nicht aus eigenem Vermögen können und damit mit leeren Händen vor den Thron Gottes treten.[„Gesegnet ist“ (Griech. „makarios“) kann, vielleicht sogar besser, mit „geehrt ist“ übersetzt werden. Neyrey, Jerome H. (1998): Honor and Shame in the Gospel of Matthew. Louisville, Kentucky: Westminster John Knox Press. S. 164ff]

 

Es sind die „geistlich Armen“, die die Ehre Gottes verbreiten. Martyn Lloyd Jones schreibt [Lloyed-Jones, Martyn D. (2003): Bergpredigt: Ich aber sage euch… .Predigten über Matthäus 5, 3-48. Waldems: 3 L Verlag. S. 61]:

 

"Es [geistlich arm sein] bedeutet die völlige Abwesenheit von Hochmut, die völlige Abwesenheit von Selbstgewissheit und Selbstvertrauen. Es bedeutet ein Bewusstsein, dass wir in der Gegenwart Gottes nichts sind. Wir können daher auch nichts aufweisen und schaffen. Es gibt nichts, dass wir von uns selber aus tun können. Es ist vielmehr das gewaltige Bewusstsein unserer Nichtigkeit, wenn wir Gott gegenübertreten."

 

Das Lob Gottes kann nur Gott selbst in uns bewirken, weil unser Leben vor dem Thron Gottes ist. Das Lob Gottes ist deshalb eine Frucht des Heiligen Geistes, der das Lob in unseren Herzen bewirkt. Darum sollen wir mit dem Kirchenvater Aurelius Augustinus vor dem Thron Gottes beten:  "Gib, was du befiehlst" – Gott schenkt das Lob in seiner Barmherzigkeit, und befiehl, was du willst – nämlich ihn zu loben.

 

Dieses Gebet vor dem Thron Gottes ist keine einmalige Sache. Damit das Lob Gottes als Frucht der Gnade Gottes unser Leben prägt, dürfen wir uns dieses Gebet immer wieder neu in Erinnerung rufen: "Gib, was du befiehlst und befiehl, was du willst".

 

Jede Veränderung beginnt bei uns selbst und nicht bei unserem Ehepartner, nicht bei unseren Kindern, nicht bei unseren Geschwistern, nicht bei unserem Chef oder Nachbar und auch nicht bei den äusseren Umständen oder der Souveränität Gottes. Denn wenn wir nicht bei uns selbst beginnen, verfallen wir der sündhaften Sucht des Schuldabschiebens: Seit Adam ist die Gesinnung des gefallenen Menschen, die Schuld bei den anderen zu suchen. Adam war ein Meister in der Ausübung dieser Sünde der Selbstrechtfertigung:

 

"Die Frau, die du mir gegeben hast…", so rechtfertigte er sich vor Gott und wollte so seine eigene Gerechtigkeit herstellen. Damit traf er gleich zwei Fliegen auf einen Schlag: Nicht nur seine Frau war schuld, sondern auch Gott. Und somit hatte er die Schuld auch gleich doppelt abgeschoben – nämlich auf seine Frau und auf Gott; ganz nach dem Motto: Doppelt genäht hält besser.

 

Adam wollte nicht wahrhaben, dass er Schuld auf sich geladen hatte. Er wollte seine Schuld nicht anerkennen, ihr nicht in die Augen schauen und die Verantwortung dafür übernehmen. Damit bleibt aber nur noch der Weg der Selbstrechtfertigung, auf dem die Schuld auf andere abgeschoben wird: auf den Ehepartner, auf die Kinder, auf Gott, oder gleich auf alle drei zusammen.

 

Sich selbst auf Kosten anderer zu rechtfertigen, ist der Versuch des gefallenen Menschen, die Rechtfertigung in Christus nicht annehmen zu müssen. So schreibt Paulus im Brief an die Römer:  “Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan.” Römer 10, 3

 

Mit unserer Selbstgerechtigkeit lehnen wir das Erlösungswerk Gottes ab, da wir uns so verhalten, als können wir uns selbst erlösen. Gibt es aber eine grössere Unehre für Gott, als wenn wir unsere eigene Gerechtigkeit aufrichten, um vor Menschen und Gott ohne Schuld, fehlerlos und gut dazustehen? Gott zu verunehren, ist aber das pure Gegenteil von Gott zu loben.

 

Eine Familie, die Gott lobt, beginnt mit dem Lob Gottes im eigenen Herzen. Das Lob Gottes entspringt einem „redlichen Herzen“, wie David schreibt. Und ein redliches Herz verfügt über wahre Selbsterkenntnis und über wahre Gotteserkenntnis. [Calvin, Johannes. Institutio. I.1] Mit der zweiten Frage aus dem Heidelberger Katechismus (1564) können wir uns prüfen:

  • Erkenne ich meine eigene Misere und Sünde?
  • Erkenne ich, wer Jesus ist und was er für mich getan hat?
  • Lebe ich daraus ein Leben in Dankbarkeit und damit zum Lob Gottes?

Diese Erkenntnis führt zur wahren Gottesfurcht und zum wahren Gottesdienst (Institutio I.2.2). Paulus erinnert uns im Brief an die Römer:  "Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst." Römer 12, 1

 

2. Führen geschieht durch „Gnade und Recht“

Unser Psalm beginnt so: "Von Gnade und Recht [Hebräisch: mishpat] will ich singen und dir, HERR, Lob sagen."

 

David hat wahrscheinlich mit dem Ausdruck „Gnade und Recht“ das Bild des Hohepriesters vor Augen, dessen Kleid in 2. Mose 28 wie folgt beschrieben wird: "So soll Aaron die Namen der Söhne Israels in der Brusttasche [Brustplatte der Gerechtigkeit = Hebräisch: mishpat] auf seinem Herzen tragen, wenn er in das Heiligtum geht, zum gnädigen Gedenken vor dem HERRN allezeit. Und du sollst in die Brusttasche tun die Lose »Licht und Recht«, so daß sie auf dem Herzen Aarons seien, wenn er hineingeht vor den HERRN, daß er die Entscheidungen [Hebräisch: misphat] für die Israeliten auf seinem Herzen trage vor dem HERRN allezeit." 2. Mose 28, 29-30

 

Die Brusttasche des Hohepriesters hat im Hebräischen den Namen, die „Brustplatte der Gerechtigkeit“. Es ist dasselbe Wort, das David für das Wort Recht in diesem Psalm verwendet. Es ist das hebräische Wort „mishpat“.

 

Auf dieser Brustplatte der Gerechtigkeit waren die Namen aller 12 Stämme Israels eingeschrieben. Der Priester trug also das ganze Volk mit Namen in die Gegenwart Gottes. Genauso trägt Jesus auch heute noch als unser Hohepriester seine Kinder auf seinem Herzen, wenn er für sie im Gebet eintritt.

 

"Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen." Hebräer 9, 24

 

Daher kann er auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; "denn er lebt für immer und bittet für sie. Denn einen solchen Hohenpriester mußten wir auch haben, der heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern geschieden und höher ist als der Himmel." Hebräer 7, 25-26

 

Genauso tragen wir als Eltern unseren Ehepartner und unsere Kinder im Gebet in die Gegenwart Gottes.  Aber diese Brustplatte der Gerechtigkeit hat noch eine weitere wichtige Bedeutung. Denn David beschreibt in diesem Psalm seine Aufgabe als König Israels und Vater, sein Volk und seine Familie, sein Haus, zu führen und mit ihnen vor dem Thron Gottes zu leben:

 

"Von Gnade und Recht [mishpat] will ich singen und dir, HERR, Lob sagen. Ich handle umsichtig und redlich, daß du mögest zu mir kommen; ich wandle mit redlichem Herzen in meinem Hause."

 

Wenn also David von „Gnade und Recht“ singt, sollten wir uns nicht nur ein schönes Lied vorstellen. Das Singen von „Gnade und Recht“ ist weit mehr als ein Lied. Es ist der Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber dem, was Gott in seine Gnade bei seinen Kindern tut. Es ist ein Ausdruck des Lobes auf Gottes Erlösung und Wundertaten. Wenn David „von Gnade und Recht“ singt, singt er darum vom Erlösungswerk Christi, das Jesus durch sein Amt bewirkt. Dieses Amt beinhaltet sogar drei Ämter, nämlich:

  • König
  • Priester
  • Prophet

Das Wort Gerechtigkeit [mishpat] hat im Hebräischen die Bedeutung von Regieren oder Führen. Und zwar bedeutet es eine Regierung mit den drei Ämtern , ähnlich wie wir es in der Politik kennen: die Exekutive, die Judikative und die Legislative. Diese drei Ämter sind im hebräischen Wort „mishpat“ eingeschlossen.

 

Die Ausführung der drei Ämter ist mit dem Lob Gottes verbunden, denn wir wissen, dass Jesus uns mit diesen drei Ämtern erlöst hat.

  • Als König befreit er uns von der Macht der Sünde.
  • Als Priester schenkt er uns seine Gerechtigkeit.
  • Als Prophet, gibt er uns die notwendige Erkenntnis und Wahrheit.

David führt also sein Königreich und seine Familie als König, Priester und Prophet, wenn er schreibt:  "Von Gnade und Recht [mishpat] will ich singen und dir, HERR, Lob sagen. Ich handle umsichtig und redlich, daß du mögest zu mir kommen; ich wandle mit redlichem Herzen in meinem Hause."

 

Der Apostel Petrus nimmt diesen Gedanken in seinem ersten Brief auf.

 

"Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, daß ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht;" 1. Petrus 2, 9

 

In den Worten „königliche Priesterschaft“ und „verkündigen sollt die Wohltaten“ finden wir die drei Ämter König, Priester und Prophet wieder.  Genauso führen wir Eltern unsere Familien als König, Priester und Prophet; ist doch die Familie die kleinste Gemeinde Gottes. Und wenn wir unsere Familie „in Christus“ als dem wahren König, dem wahren Priester und Propheten führen, loben wir Gott.

 

Nun wissen wir aber, dass wir diese drei Ämter nicht selber so ausführen können, dass es zur Gerechtigkeit führt. Jesus tritt da als wahrer Priester, König und Prophet an unsere Stelle. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, uns immer wieder auf den wahren König, Priester und Propheten zu besinnen. Denn "nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir"!

 

"Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben." Galater 2, 20

 

Diese drei Ämter in Christus in unseren Familien auszuführen, bedeutet, Gott zu loben, wie David es in unserem Psalm schreibt. Denn nur das stellvertretendes Erlösungswerk Christi und seine Gnade und Gerechtigkeit führen zu einem redlichen Herzen und damit zur Ehre Gottes! Jesus ist der wahre und ewige König, der wahre und einzige Hohepriester und der wahre und oberste Prophet. Und darum dürfen wir mit diesen drei Ämtern unseren Familien zum Lob und zur Ehre Gottes vorstehen.

 

Der Puritaner Matthew Henry schreibt in seinem Psalmenkommentar zum Ausdruck „Gnade und Recht“:

 

"Dieser Plan ist ein ausgezeichnetes Muster für eine gute Regierung am Hof oder das Erhalten von Frömmigkeit und guter Tugend. Er ist aber auch anwendbar für das Führen von Familien, denn er unterweist alle, die die Aufgabe haben, Autorität auszuüben." [it is an excellent plan or model for the good government of a court, or the keeping up of virtue and piety, and, by that means, good order, in it: but it is applicable to private families; it is the householder's psalm. It instructs all that are in any sphere of power.]

 

Denn Gnade und Recht [misphat] in den Familien auszuführen, ist eine reiche Quelle von Ermutigung und Hilfestellung für Väter und Mütter und die Grundlage für das Lob Gottes.

 

Gebet [Bennet, A. (2014): Gebete der Puritaner für besondere Anlässe. Waldems: 3 L Verlag. S. 17f]

 

"Herr Jesus,
Ich bin blind, sei du mein Licht, unverständig, sei du meine Weisheit, eigensinnig,

sei du meine   Denkweise.
Sei du mein guter Hirte, der mich zu den grünen Auen deines Wortes führt, und sorge dafür, dass ich mich neben den Flüssen seines Trostes niederlege.
Durch dich ist der ganze Himmel in mein Herz gegossen worden, aber es ist zu eng, um deine Liebe zu verstehen. Ich war ein Fremder, ein Ausgestossener, ein Sklave, ein Rebell, aber dein Kreuz hat mich dir nahe gebracht, hat mein Herz erweicht, hat mich zum Kind deines Vaters gemacht, hat mich in deine Familie aufgenommen, hat mich zum Miterben gemacht.
O, dass ich dich liebe, wie du mich liebst, dass ich in meinem Wandel deiner würdig bin, dass ich das Bild des himmlischen Erstgeborene widerspiegele.
Amen."

 

Autor: Beat Tanner  Ph.D. (USA)

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Literatur:

  •  Augustin, Aurelius. Bekenntnisse.
  • Beale, Gregory K. (2011): Der Tempel aller Zeiten. Die Wohnung Gottes und der Auftrag der Gemeinde. Eine biblisch-heilsgeschichtliche Studie. Oerlinghausen: Bethanien Verlag
  • Beeke, Joel R. (2011): Parenting By God’s Promises. How to Raise Children in the Covenant of Grace. Sandford, Fl: Reformation Trust.
  • Bennet, A. (2014): Gebete der Puritaner für besondere Anlässe. Waldems: 3 L Verlag
  • Calvin, Johannes. Institutio
  • Lloyd-Jones, Martyn D. (2003): Bergpredigt: Ich aber sage euch… . Predigten über Matthäus 5, 3-48. Waldems: 3L Verlag.
  • Luther, Martin (1535): Einen einfältige Weise zu beten, für einen guten Freund.
  • Heidelberger Katechismus