MEINE SEELE WILL SICH NICHT TRÖSTEN LASSEN

AutorJon Bloom

 

Ein Artikel von Jon Bloom My Soul refuses to be comforted, erschienen am 16.05.2020. Übersetzt von Ruth Metzger, mit freundlicher Genehmigung von Desiring God.


 

Seine Seele war so aufgewühlt, dass er keinen Schlaf fand. So verwirrt und verstört waren seine Gefühle (und die ihnen zugrundeliegenden Fragen), dass er sie gar nicht alle in Worte fassen konnte. Er litt nicht an einer generalisierten, undefinierten Depression. Er erwähnte keinen besonderen Feind, der sein Leben bedrohte. Die Person, wegen der er solche Qualen litt, war Gott selbst. Als Asaph Psalm 77 niederschrieb, ging er durch eine Glaubenskrise.

 

Ich rufe zu Gott und will schreien;

zu Gott rufe ich, und er wolle auf mich hören!

Zur Zeit meiner Not suche ich den Herrn;

meine Hand ist bei Nacht ausgestreckt und ermüdet nicht,

meine Seele will sich nicht trösten lassen.

Denke ich an Gott, so muss ich seufzen,

sinne ich nach, so ermattet mein Geist. (Sela.)

Du hältst meine Augenlider offen;

ich werfe mich hin und her und kann nicht reden.

Psalm 77,2-5 SLT

 

Warum war Asaph so aufgewühlt? Weil es aus seiner Perspektive so aussah, als habe Gott beschlossen, seine Verheißungen für Israel fallenzulassen. Wenn Gott sein Wort nicht hält, haben die, die ihm vertrauen, das Haus ihres Glaubens auf Sand gebaut – ein sehr verstörender Gedanke.

 

DU HÄLTST MEINE AUGENLIDER OFFEN

Viele, die durch eine Glaubenskrise gegangen sind, finden sich in der von Asaph beschriebenen Erfahrung wieder. Etwas geschieht, das unser Vertrauen auf Gottes Zusagen erschüttert, und unsere Gewissheit über das, was wir über ihn oder seinen Charakter verstanden zu haben glaubten, gerät ins Wanken. Diese Ungewissheit ist beängstigend und furchterregend. Im Bemühen, unsere Angst zu bewältigen, wird unser Verstand zu einem unermüdlichen Ermittler. Eifrig forscht er nach Antworten, die geeignet sind, unser Vertrauen wiederherzustellen (Psalm 77,7).

 

Solche Ängste können uns den Schlaf rauben. Bei Asaph war das der Fall. Tagsüber beanspruchen verschiedene Verantwortlichkeiten, Aktivitäten und Menschen unsere Aufmerksamkeit, lenken uns ab und geben uns eine Atempause. Aber tief in der Nacht sind wir dann mit unseren unruhigen Gedanken allein. Also liegen wir wach oder laufen im dunklen Zimmer auf und ab, und unsere bildliche (oder tatsächliche) „Hand ist bei Nacht (zu Gott) ausgestreckt und ermüdet nicht" und unsere „Seele will sich nicht trösten lassen“ (Psalm 77,2).

 

Sich nicht trösten lassen wollen? Ist das okay? Asaphs Beispiel entschuldigt nicht jede Untröstlichkeit zu jeder Zeit. Wir kämpfen alle mit sündigem Unglauben. Aber dieser Psalm ist - so glaube ich – keine Studie in sündigem Unglauben, sondern in aufrichtigem, qualvollem geistlichem Ringen.

 

Es kann im Leben Augenblicke der Verzweiflung geben - und wir werden gleich sehen, wie verzweifelt Asaph war – wo es uns keinen schnellen Trost bringt, unserer unruhigen, bedrängten Seele zu befehlen, auf Gott zu hoffen (Psalm 43,5), weil es uns zu diesem Zeitpunkt fraglich erscheint, ob man überhaupt auf Gott hoffen kann. Deshalb sagt Asaph: „Denke ich an Gott, so muss ich seufzen, sinne ich nach, so ermattet mein Geist“ (Psalm 77,4). Ehe wir fortfahren, müssen wir uns klarmachen: Asaphs Vertrauen auf Gott war erschüttert, die daraus resultierende Angst hielt ihn nachts wach ( er sagte zu Gott sogar: „Du hältst meine Augenlider offen“), und seine Erfahrung hat den Weg in den Kanon der Heiligen Schrift gefunden. Es gibt einen Grund dafür, dass Gott diesen Psalm für uns erhalten hat.

 

HAT GOTT VERGESSEN, GNÄDIG ZU SEIN?

Psalm 77 sagt uns nicht, was Asaphs Bedrängnis zugrunde lag. Aber Psalm 79, der ebenfalls Asaph zugeschrieben wird, gibt uns wahrscheinlich Auskunft darüber:

 

O Gott, es sind Heiden in dein Erbteil eingedrungen!

Sie haben deinen heiligen Tempel verunreinigt und Jerusalem zu Trümmerhaufen gemacht!

Sie haben die Leichname deiner Knechte den Vögeln des Himmels zur Speise gegeben,

das Fleisch deiner Getreuen den wilden Tieren;

sie haben ihr Blut vergossen wie Wasser, rings um Jerusalem her,

und niemand hat sie begraben.

Wir sind ein Hohn geworden für unsere Nachbarn,

zu Spott und Schande denen, die uns umgeben!

Psalm 79,1-4

 

Asaph war Zeuge schrecklicher Ereignisse geworden, auch wenn er sie hier in poetische Sprache kleidet. Viele von uns haben grausige, prosaische Fotografien vom Krieg gesehen - von misshandelten Leibern von Männern, Frauen und Kindern, die auf den Straßen verwesten. Die, die diese Gewalt selbst miterlebt haben, durch diese Straßen gegangen sind und einige der Niedergemetzelten persönlich gekannt haben, tragen die Narben dieser traumatischen Erlebnisse oft lebenslang.

 

Asaph wusste, dass dieses Gericht Gottes (höchstwahrscheinlich die babylonische Eroberung Judas) wegen seiner Untreue über das Volk hereingebrochen war (Psalm 79,8). Aber die Erfahrung, die der Autor der "Klagelieder" noch anschaulicher beschreibt, war ein absolut überwältigendes Grauen. Es sah nicht nur wie Gericht aus, sondern so, als habe Gott sie ganz und gar aufgegeben. So fragte Asaph in seiner mitternächtlichen Qual:

 

Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und niemals wieder gnädig sein?

Ist’s denn ganz und gar aus mit seiner Gnade,

und ist die Verheißung zunichte für alle Geschlechter?

Hat denn Gott vergessen, gnädig zu sein,

und im Zorn seine Barmherzigkeit verschlossen?

Psalm 77,8-10

 

Er stellte diese bestürzenden Fragen, weil die Antwort darauf zu diesem Zeitpunkt aus seiner Sicht ganz offensichtlich und tiefempfunden nur Ja lauten konnte.

 

ICH WILL GEDENKEN

Aber Asaph kannte seine Bibel. Er kannte die Bündnisse Gottes mit Abraham, Isaak, Jakob und David. Er kannte die Geschichte Israels, von Abrahams Pilgerschaft über die Sklaverei in Ägypten bis zum Exodus und dem mosaischen Gesetz, von der Eroberung des Gelobten Landes bis zur Regierungszeit der Könige. Er kannte die Heiligkeit und Macht, die Gott gezeigt hatte (Psalm 77,14-15).

 

Und so blickte Asaph, nachdem er Zeuge der traumatischen Verwüstung von Gottes Volk und Gottes Land geworden war, inmitten seiner Orientierungslosigkeit und Desillusionierung und Angst rückwärts, um Hoffnung zu finden:

 

Und ich sage: Ich will das erleiden,

die Änderungen, welche die rechte Hand des Höchsten getroffen hat.

Ich will gedenken an die Taten des HERRN;

ja, ich gedenke an deine Wunder aus alter Zeit,

und ich sinne nach über alle deine Werke

und erwäge deine großen Taten.

Psalm 77, 11-13

 

Insbesondere wendete er seinen betrübten Sinn der Durchquerung des Roten Meeres zu. Er erinnerte sich daran, wie Gott in jenem verzweifelten Augenblick, als es so schien, als würde Ägypten Israel auslöschen und die Bündnisse scheitern, sein Volk, die Kinder Jakobs und Josephs, erlöst hatte (Psalm 77,16).

 

Als dich, o Gott, die Wasser sahen,

als dich die Wasser sahen, da brausten sie;

ja, das Meer wurde aufgeregt.

Dein Weg führte durch das Meer und dein Pfad durch gewaltige Fluten,

und deine Fußstapfen waren nicht zu erkennen.

Du führtest dein Volk wie eine Herde

durch die Hand von Mose und Aaron.

Psalm 77,17, 20-21

 

In seiner Glaubenskrise erinnerte sich Asaph daran, was sich in der Geschichte immer wieder wiederholt hatte: dass nämlich die, die auf Gott hofften, gegen alle Hoffnung und trotz hoffnungslos erscheinender Umstände darauf hoffen mussten (Römer 4,18), dass Gott seine Versprechen halten würde. Wenn wir die Psalmen Asaphs (73-83) lesen, sehen wir, wie er sich wieder und wieder ins Gedächtnis rufen musste, dass Gott in der Vergangenheit treu gewesen war, damit er seinen Glauben an die zukünftige Gnade Gottes davor bewahren konnte, in der Gegenwart zu versagen – oder, in seinen eigenen Worten, um seine Füße vor dem Straucheln zu bewahren (Psalm 73,2).

 

HOFFNUNG IN UNVERÄNDERTEN UMSTÄNDEN

Psalm 77 wurde in einer angstvollen, schlaflosen Nacht geboren. Und er bietet keine explizite Auflösung, keinen schönen Kranz hoffnungsvoller Worte, der alles zusammenbindet. Er endet einfach mit: „Du führtest dein Volk wie eine Herde durch die Hand von Mose und Aaron“ (Psalm 77,21).

 

Aber genau darin liegt die Hoffnung: Gott, wie schrecklich es auch gerade aussieht, so sehr es auch scheint, als hättest du vergessen, gnädig zu sein - die Geschichte der Erlösung sagt mir, dass du doch deine Verheißungen erfüllst und deine Rettung kommt.

 

Das ist einer der Gründe, warum Gott diesen Psalm und diese Erfahrung für uns aufbewahrt hat: um uns zu helfen, falls und wenn unser Glaube schweren Prüfungen ausgesetzt ist. Asaph versorgt uns mit den sprachlichen Mitteln, um unserer Klage Ausdruck zu verleihen, und zeigt uns exemplarisch, was wir tun können, wenn die Angst hochkommt und alles den Anschein hat, als sei es „ganz und gar aus mit seiner Gnade“ (Psalm 77,9).

 

Wie bei Asaph kann es in unserem schlimmsten Augenblick den Eindruck erwecken, als stehe Gott nicht oder nicht mehr zu seinen Verheißungen, und das kann in schlaflosen Nächten angstvolles Gebet und Grübeln anheizen. Wie Asaph, können wir in solchen Zeiten Gott in völliger Offenheit unser Herz ausschütten. Wie Asaph können wir uns an Gottes Treue in vergangenen Zeiten erinnern, damit unser Glaube an Gottes zukünftige Gnade in der Gegenwart nicht versagt.

 

Und wie Asaph wird uns der Trost, nach dem wir uns sehnen, vielleicht nicht schnell gewährt, aber wir kämpfen darum mit all unserer Macht.