Qualifikation für einen Seelsorger. 

 Autor: Beat Tanner

 

„Ich weiss aber selbst sehr wohl von euch, liebe Brüder, dass auch ihr selber voll Güte seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, so dass ihr euch

untereinander ermahnen könnt.“  Römer 15, 14

 

[Für eilige Leser: Vielleicht hat Sie die Frage schon bewegt, ob sie wirklich dem Nächsten ein Seelsorger sein können. Die Antwort ist zweifach: 
- Als Christen sind wir unserem Nächsten immer ein Seelsorger. Christen können auf zweierlei Weise Seelsorger sein. Sie hinterlassen als Ebenbild Gottes immer Spuren im Leben anderer Menschen: entweder die Spuren ihrer eigenen Ehre und Gerechtigkeit oder die Spuren der Gerechtigkeit Gottes.
- Wir sind aber nicht für jedermann zu jeder Zeit und für alle Belange zuständig. Seelsorge ist weniger eine akademische Aufgabe als eine Herzensangelegenheit und gründet in einer engen Verbindung des Christen zu Jesus Christus.]

 

Kann ich wirklich meinem Nächsten ein Seelsorger sein? Vielleicht hat sie diese Frage auch schon bewegt. In seinem Büchlein Ready To Restore (frei übersetzt: Bereit ein Seelsorger zu sein) für die Seelsorge) gibt Jay E. Adams eine einfache, aber pointierte Antwort: „Gott ruft jeden Christen in die Aufgabe des Seelsorgers.“ So klar und eindeutig diese Aussage auch sein mag, erfordert sie doch eine Klärung.

 

Die Aussage ist auf den Text von Paulus gegründet – „Ich weiss aber, dass ihr voll Güte seid, so dass ihr euch untereinander ermahnen könnt“ – und auf einen Text von Petrus, in dem der Apostel den Stand der Christen als eine „königliche Priesterschaft“ beschreibt:

 

„Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ 1. Petrus 2, 9

 

Als eine königliche Priesterschaft sind Christen dem Nächsten allezeit ein Seelsorger: dem Ehepartner, den eigenen Kindern, dem Bruder, der Schwester. Doch wie ist diese Aussage zu verstehen? Und trifft sie wirklich zu?

 

Christen können auf zweierlei Weise Seelsorger sein. Entweder reflektieren sie als Ebenbild Gottes im Glauben an Christus die Güte, Gerechtigkeit und Ehre Gottes, oder sie zeigen ihrem Nächsten die eigene Gerechtigkeit und Ehre. In diesem Sinne sind Christen immer Seelsorger. Das eine Mal weisen sie auf Christus hin, das andere Mal auf sich selbst.

 

Paulus wusste um diese Gefahr, darum wies er Christen auf ihre Identität „in Christus“ hin. Er schreibt: „Ich weiss, dass ihr selber voll Güte seid“. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass der dreieinige Gott seinen Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen hat (Römer 5, 5) und auf diese Weise seine Güte allen Menschen kundtut. Es ist bemerkenswert, dass die Aussage des Paulus – Gläubige seien voll Güte und mit aller Erkenntnis erfüllt – in der Gegenwarts-und in der Passivform steht. Dies erleichtert uns und macht uns klar: Es ist Gottes Wirken; er schenkt dem Gläubigen seine Güte und füllt ihn mit seiner Erkenntnis. Es sind Gnadenerweise Gottes an den Gläubigen.

 

Darum sollten Christen erschrecken, wenn sie ihren Nächsten mit einer lieblosen, ichbezogenen Haltung begegnen. So verachten sie Gottes Güte und leben ihrer Berufung unwürdig. Durch diese Erkenntnis gedemütigt, sollten sie am Gnadenthron Gottes die notwendige Hilfe suchen: in der vollbrachten Erlösung durch Christus.

 

Jay Adams differenziert seine Aussage: „Gläubige sind immer Seelsorger“ noch in einem anderen Zusammenhang. Er schreibt: „Das bedeutet aber nicht, dass ein Christ für jedermann, zu jeder Zeit und in allen Belangen ein Seelsorger sein muss.“ Dieser weisen Differenzierung kann nur zugestimmt werden. Der Christ ist oftmals selbst auf die Güte und Weisheit anderer angewiesen ist und darf diese dankbar annehmen.

 

Der letzte Teil des Verses im Römerbrief – so dass ihr euch untereinander ermahnen könnt – soll uns nicht erschrecken. Im Wort ermahnen schwingt für uns ja etwas Negatives mit: Wir sehen den Drohfinger und denken an lieblose Kritik. Und doch ist die gegenseitige Ermahnung sehr wohl eine seelsorgerliche Aufgabe. Das griechische Wort, das Paulus an dieser Stelle verwendet, bedeutet nämlich, jemandem Christus vor die Augen zu malen. Seelsorger ermahnen den Nächsten, mehr darauf zu sehen, was Christus für uns getan hat, als auf unser eigenes Versagen.

 

Die folgende Begebenheit, die ich selbst miterleben durfte, soll uns ermutigen, der Güte und Erkenntnis Gottes mehr Vertrauen zu schenken als unseren Bedenken und Ängsten. Es ist die Geschichte von Lukas, einem 10-jährigen Buben, der gerade eine schmerzliche Erfahrung gemacht hat.

 

Lukas und sein Freund Simon spielen zusammen in der Kindermusik. Ein paar Tage vor der geplanten Schweizertournee erfuhr Lukas, dass er überzählig sei nicht dabei sein dürfe. Er sei zu wenig gut beim Keyboardspiel. 

 

Lukas hatte eine schwere Zeit, hatte er sich doch so sehr auf diese Musikreise gefreut. Besonders schmerzte es ihn, als er erfuhr, dass sein Freund Simon mitgehen dürfe – obwohl dieser sein Instrument weit weniger beherrscht als Lukas. Aber als Einzelkind ist sich Simon gewohnt, seinen Willen mit Wutausbrüchen durchzusetzen. Deshalb setzten sich seine Eltern beim Leiter der Musikreise so lange für ihn ein, bis dieser entnervt nachgab: Simon durfte mitgehen. Die Mutter von Lukas hingegen hatte ihrem Sohn erklärt, sie würde sich nicht dafür einsetzen, dass er auf die Reise mitgehen könne. Das sei die Entscheidung und Verantwortung der Leitung. Lukas fiel es nicht leicht, den Entscheid der Leitung und seiner Eltern zu akzeptieren.

 

Nun habe er es aber akzeptieren können, sagte mir Lukas in einem Gespräch. Wir sprachen dann über die Souveränität Gottes und seine Fürsorge für seine Kinder, wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen und wir aus unserer Sicht Ungerechtigkeiten erleiden müssen. Darauf fragte ich Lukas, was sein Freund Simon nun in dieser Situation gelernt habe. Lukas zögerte nur kurz: „Dass man mit Drohen und Wutausbrüchen zum Ziel kommt!“ – „Wie wird wohl Simon versuchen, in seinem späteren Leben zum Ziel zu kommen?“, fragte ich weiter. „Er wird es

genau gleich machen. Er wird stürmen, bis er bekommt, was er will.“ – „Und was passiert, wenn er in der Lehre oder angestellt ist?“ – „Das klappt dann nicht mehr“, antwortete Lukas.

 

„Was würdest du deinem Freund sagen, wenn er dich um Rat fragte“, wollte ich wissen. Lukas schwieg. Ich spürte, dass er es sich nicht zutraute, eine Lösung zu haben. Ich ermunterte ihn zu sagen, was er denke. Interessanterweise setzte er bei den Eltern an und meinte: „Ich würde den Eltern sagen, dass sie sich nicht von den Drohungen ihres Sohnes unter Druck setzen lassen dürfen.“ Ich staunte und dachte im Stillen, dass er als 10-Jähriger wohl kaum die Angst der Eltern vor den Wutausbrüchen ihres Sohnes erwähnen würde. Doch Lukas war noch nicht fertig. Nach einer kurzen Pause fuhr er weiter: „Ich würde ihnen auch sagen, dass sie nicht so viel Angst vor der Wut ihres Sohnes haben sollten.“ Ich staunte über die Erkenntnis dieses Buben und antwortete ihm, dass er die Situation seines Freundes und seiner Eltern sehr gut erkannt habe. „Und was wäre dann die Lösung, damit die Eltern besser mit Simon umgehen könnten?“ Lukas schaute mich fragend an. „Weisst du, ich meine die ER-Lösung“, sagte ich und schrieb die ersten zwei Buchstaben gross in die Luft. Lukas verstand sofort und sagte: „Ja, dass Sie zu Jesus gehen und die Hilfe bei ihm suchen sollten!“

 

Lukas hat verstanden, was die Grundlage der Seelsorge ist. Auch ein Kind kann mit seinen Ängsten und Nöten zu Jesus gehen. Auch ein Kind ist in der Lage – gemäss Alter und Verständnis – , seinen Nächsten auf den ER-Löser hinzuweisen. Doch muten wir unseren Kindern diese Aufgabe und diese geistliche Reife zu? Die Frage ist meines Erachtens falsch gestellt. Denn Gott mutet uns als seinen Kindern diese Aufgabe zu. Menschen, die Christus nachfolgen, sind Seelsorger, denn sie tragen die Wahrheit in Liebe zu ihrem Nächsten. Das Erlebnis mit Lukas zeigt, dass selbst 10-jährige Kinder die Motive des Herzens erkennen und Menschen auf Christus hinweisen können. Dazu braucht es keine Spezialisten mit Hochschulstudium.

 

Qualifikationen eines Seelsorgers

 Die folgenden sechs Fragen umreissen die Qualifikationen eines Seelsorgers und machen deutlich, dass es dabei nicht um eine akademische

Ausbildung geht, sondern um eine Herzensangelegenheit, die sich in einer engen Verbindung des Gläubigen zu Jesus Christus ausdrückt.

 

  1. Suche ich selbst Hilfe bei Gott? 
    Suche ich Hilfe bei Gott wie der blinde Bartimäus? Lukas scheibt: „Und als er hörte, dass es Jesus von Nazareth war, fing er an, zu schreien und zu sagen: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Im folgenden Vers steht, dass viele ihn anfuhren, um ihn zum Schweigen zu bringen. Lassen wir uns nicht daran hindern, die Hilfe bei Jesus zu suchen und nehmen uns Bartimäus zum Vorbild. 

  2. Lasse ich mir von anderen Menschen helfen? [1]
    Seelsorger zu sein, bedeutet, demütig zu sein. Demut ist keine Sache des natürlichen Charakters: Sie kommt aus der Verbindung mit Christus. Er allein ist demütig, darum sollen wir uns mit ihm bedecken. Petrus erinnert uns: „Alle aber umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander!“ (1.Petrus 5, 5). So dürfen wir im Alltag Hilfe annehmen, ohne uns dafür zu schämen. Ermahnungen und Hinweise sollen wir ehrlich vor Gott prüfen, ohne uns gleich angegriffen oder in der Ehre verletzt zu fühlen.

  3. Lerne ich Jesus Christus immer besser kennen und wachse zu ihm hin?
    Wenn wir mit unseren Nächsten zu Christus hin unterwegs sein wollen, müssen wir Christus immer besser kennen lernen. Dazu ist eine akademische Ausbildung wenig geeignet; dafür umso mehr die Gemeinschaft mit Christen, die das gleiche Herzensanliegen haben. In der Seelsorge braucht Gott Menschen, die selbst Veränderung nötig haben, zum Wohl anderer Menschen. [2]

  4. Bete ich im ständigen Bewusstsein, dass mir die zur Zeit notwendige Erkenntnis Gottes fehlt, und erbitte sich sie darum von ihm? [3]
    Dieser Gedanke trifft unseren Stolz, macht uns demütig. Doch ist er weit von Hoffnungslosigkeit entfernt: Vielmehr wenden wir uns vertrauensvoll als Kinder an unseren Vater im Himmel, im Glauben, dass er in Weisheit und Souveränität eingreifen wird. Augustinus schreibt: „Was stellst du dich auf dich selbst und kannst so doch nicht stehen? Wirf dich auf ihn [Jesus Christus] und fürchte dich nicht! Er wird sich nicht entziehen, dich nicht fallen lassen. Ja, wirf dich getrost hin, er wird dich auffangen und gesund [im Sinne von Erretten] machen.“ (Bekenntnisse, VIII.11).

  5. Bin ich weise genug, meine Nächsten auf Jesus und das Wort Gottes hinzuweisen anstatt auf meine eigene Meinung?
    Der einzige Trost, der im Leben und im Sterben trägt, ist das Wissen, dass wir Eigentum unseres treuen Heilandes Jesu Christi sind, der uns mit seinem teuren Blut erkauft hat. Diese Wahrheit lehrt uns der Heidelberger Katechismus in der ersten Frage und Antwort; darin liegt die Hoffnung, die uns nicht zuschanden werden lässt. Ist mein Blick auf Christus gerichtet, den Anfänger und Vollender des Glaubens? Bitte ich für mich selbst um den Geist der Weisheit und Offenbarung, um Christus besser zu erkennen (Epheser 1, 17-18; 2. Timotheus 3, 16-17)? Bitte ich auch für meinen Nächsten um offene Augen für die Güte Gottes (2. Könige 6, 16-17)?

  6. Bin ich barmherzig genug, um jemanden anzusprechen, der offensichtlich in Schwierigkeiten ist?
    Es scheint uns nicht angemessen, einen Menschen in Schwierigkeiten spontan anzusprechen. Und doch sollten wir, von gütiger Besorgnis bewegt, unserem Nächsten Christus vor die Augen malen. Lasst uns in Liebe respektvolle Fragen stellen, die unsere Anteilnahme zeigen! „Darf ich mich nach deinem Ergehen erkundigen?“ „Darf ich mich zu dir setzen?“ „Darf ich dich anrufen?“ In gewissen Situationen muten wir es unserem Nächsten sogar zu, dass wir die Frage nach seinem Ergehen mit Nachdruck stellen („Ich möchte wissen, wie es dir wirklich geht.“) und dass wir uns nicht mit einer oberflächlichen Antwort zufriedengeben.

Die Frage nach der Qualifikation eines Seelsorger ist zuerst die Frage nach der Nachfolge Christi und der Identität des Christen. Martin Luther beschreibt diese Identität des Christen in seinem Traktat „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520): „Aus dem allen folgt der Satz, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und seinem Nächsten - in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe“.

 

Literatur:

  • Tripp, Paul (2006): Werkzeuge in Gottes Hand. Biblische Seelsorge in der Gemeinde. Waldems: 3L Verlag
  • Bunyan, John (2008): Überfliessende Liebe. Friedberg: 3L Verlag

 

[1] Die ersten zwei Kriterien verdanke ich Ed Welch: Veränderung ist möglich. Tagesseminar in Uster vom 28. Juni 2104

[2] Dieser Satz ist dem Buch von Paul Tripp entnommen: Werkzeuge in Gottes Hand. Biblische Seelsorge in der Gemeinde (3L Verlag). Dieses Buch will uns in die Gemeinschaft derer hineinnehmen, die Jesus Christus noch besser kennen lernen wollen, um damit den Nächsten ein Seelsorger zu sein.

[3] Higbee, Garrett (2014): Are You Competent to Counsel? In: BCC, Grace and Truth Blog, March 20, 2014. Die letzten drei Aspekte verdanke ich diesem Blog.