Kann es nicht einfach wieder gut sein?

Autor: Beat Tanner

 

"Die Furcht des HERRN ist Zucht, die zur Weisheit führt, und ehe man zu Ehren kommt, muss man Demut lernen." Sprüche 15,33

 

[Überfliegen Sie die Geschichte des vierjährigen Timon mit seiner entscheidenden Frage „Kann es nicht einfach wieder gut sein?“ nicht eilfertig. Die Antwort auf diese ernsthafte und ausschlaggebende Frage, nämlich das Evangelium, ist eine zu gewichtige Sache, um sie in unserem Leben einfach so nebenher laufen zu lassen. Nicht, dass meine Zeilen das Evangelium als solches wären. Das ist allein die Schrift, die Bibel. Doch sollen die geistlichen Gedanken nicht nur beiläufig, sondern in der Mitte unseres Herzens bewegt werden. Und selbst die Antwort auf die Frage eines Vierjährigen kann uns helfen, die Gnade und die Offenbarung der Herrlichkeit Christi besser zu verstehen.]

 

Kann es nicht einfach wieder gut sein?

 

Die tränenerstickte Stimme des vierjährigen Timon klang verzweifelt – erfüllte ihm doch seine Mutter den Wunsch nicht, seinen Ungehorsam ohne Konsequenzen einfach zu übergehen. Ihr Ziel war die Vergebung und Versöhnung mit ihrem Sohn. Doch wie kam Timon in seiner kindlichen Not überhaupt zu einer solch entscheidenden Frage?

 

Timon sitzt mit seinen zwei älteren Brüdern am Frühstückstisch. Er schüttet sich sein Lieblingsmüesli in die Schale. Einige Flocken fallen aus dem bereits überfüllten Schälchen auf den Tisch. Es ist offensichtlich: Diese Portion kann er nicht aufessen. Die Mutter ermahnt ihn freundlich, die Hälfte wieder in den Vorratsbehälter zurück zu leeren. Er weigert sich, doch die Mutter besteht geduldig darauf. Nun verteidigt sich Timon lautstark, beginnt zu weinen und kehrt der Mutter auf dem Stuhl den Rücken zu. Die Mutter erklärt ihm, dass sie erst zusammen frühstücken können, wenn die Sache wieder in Ordnung ist. Timon spürt, dass es der Mutter ernst ist damit; es ist ihr wichtig, Vergebung und Versöhnung mit ihrem Sohn zu erfahren. Um der Liebe zu ihrem Sohn willen besteht sie darauf. Doch die Versöhnung mit der Mutter verlangt von Timon die Demut, sich der Anweisung seiner Mutter zu unterziehen, und das bringt er noch nicht über sein Kinderherz. Schluchzend fragt er deshalb seine Mutter: „Kann es nicht einfach wieder gut sein?“

 

Die Mutter antwortet ruhig und mit leiser Stimme: „Du bist wütend und ich bin wütend. Wir sind vor Gott schuldig geworden. Deshalb müssen wir die Sache wieder in Ordnung bringen.“ Und sie lädt Timon ein: „Komm, lass uns die Sache in Ordnung bringen.“ Timon schüttelt wild den Kopf und verharrt in seiner abwehrenden Haltung. Zwischendurch fragt ihn die Mutter, warum ihm dieser Schritt so schwerfalle. Schluchzend kommt es aus seinem Mund: „Ich habe schlechte Laune!“ – eine beachtliche Reflexion für ein vierjähriges Kind! Die Mutter zeigt sich vom Trotz ihres Sohnes unbeeindruckt. Sie bleibt aber am Tisch sitzen. Ihre Nähe und Gegenwart sollen es Timon erleichtern, die Einladung zur Versöhnung anzunehmen.

 

Erst nach einer halben Stunde hat sich Timon wieder etwas gefasst. Er kann sich noch nicht mit Worten entschuldigen, kommt jedoch auf die Mutter zu und setzt sich auf ihren Schoss. Er nimmt die dargebotene Hand der Mutter, ist aber immer noch nicht in der Lage, aus dem Schluchzen und der Erregung heraus Worte zu bilden.

 

Die Gnade allein

 

„Kann es nicht einfach wieder gut sein?“ – Das war die Frage des verzweifelten vierjährigen Timon. Was hätten Sie dem Jungen geantwortet? Er hatte keinen Ausweg mehr gesehen: Denn Morgenessen würde es nur geben, wenn die Sache wieder in Ordnung war und eine Versöhnung stattgefunden hatte. Timon konnte weder mit Schreien noch mit stiller Wut die Meinung der Mutter ändern. Anderseits liess es sein Stolz nicht zu, der Anordnung seiner Mutter Folge zu leisten und sich so zu demütigen: Eine scheinbar ausweglose Situation für den kleinen Jungen …

 

Es gibt jedoch einen Ausweg. Zwar ist es kein menschlicher Lösungsansatz, aber eine ER-Lösung, die uns Gott in seiner Souveränität und Güte in Christus in seinem Erlösungswerk bereitet hat. Sie führt uns zur Demut des Gehorsams und zur Einsicht der eigenen Sünde und öffnet unsere geistlichen Augen für die Herrlichkeit der Offenbarung Christi. Paulus betet im ersten Kapitel des Epheserbriefes für die Gemeinde um solch geistlich geöffnete Augen (Epheser 1,17-18). Diese ER-Lösung wird nicht durch unsere eigenen Möglichkeiten bewirkt, sondern allein durch die Macht der Gnade in Jesus Christus. Luther besingt es in seinem Lied „Eine feste Burg ist unser Gott“ wie folgt:

  

Mit unsrer Macht ist nichts getan,

wir sind gar bald verloren;

es streit’ für uns der rechte Mann,

den Gott hat selbst erkoren.

Fragst du, wer der ist?

Er heisst Jesus Christ, der Herr Zebaoth,

und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.

 

Wie gelangen wir zu dieser erlösenden Kraft der Gnade? – Jesus stellte seinem Vater im Garten Gethsemane im Angesicht seiner bevorstehenden Kreuzigung auch eine Frage: Gibt es nicht doch noch einen anderen, weniger schmerzvollen und blutigen Weg, als den Tod am Kreuz zu leiden?

 

Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist's nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!“ Matthäus 26,42

 

Jesus, der Sohn Gottes, wusste wohl, dass dieser Weg über das Kreuz zwischen seinem Vater, dem Heiligen Geist und ihm beschlossen war. Johannes weist in der Offenbarung darauf hin, dass das Lamm Gottes, Jesus Christus, schon vor der Grundlegung der Welt geschlachtet worden ist (Offenbarung 13,8). Denn dies ist der Weg der Erlösung, den der dreieinige Gott in seiner Weisheit, Gnade und Gerechtigkeit von Ewigkeit her beschlossen hat, um seine Kinder zu rechtfertigen.

 

Der Kirchenvater Augustinus bemerkt richtig, dass das Kreuz entwertet werde, wenn man behauptet, auf irgendeine andere Weise und ohne das Geheimnis des Kreuzes zur Gerechtigkeit gelangen zu können (Von der Natur und der Gnade, VII.7). So war die Frage Jesu vom Zusatz begleitet, dass der Wille des Vaters geschehen solle und er im Gehorsam den Weg ans Kreuz gehen werde (Hebräer 5,8).

 

So verständlich die Frage des Jungen und auch die von Jesus ist – die menschliche Not, nämlich die Sünde, erfordert ein besonderes Heilmittel. Augustinus schreibt in seinem Buch „Von der Gnade und der Natur“, dass es einen Arzt, nämlich Jesus Christus, braucht, um von der Ungerechtigkeit der Sünde zur Gerechtigkeit zurückzukehren. Das Heilmittel ist das Blut Christi, das für uns vergossen ist und uns von aller Ungerechtigkeit reinigt. (1. Johannes 1,7 und 9).

 

Jesus musste unsere Sünde auf sich nehmen und an unserer Stelle sühnen. Wie unvorstellbar schwer muss es gewesen sein, für die Sünde der ganzen Welt zu sühnen, wenn wir nicht einmal für eine einzige unserer eigenen Sünden bezahlen können! Die Antwort auf die zentrale Frage des Jungen: „Kann es nicht einfach wieder gut sein?“ ist deshalb ein klares „Nein“. Es kann nicht einfach so wieder gut werden: Sünde erfordert die „ER-Lösung“. John Stott schreibt, dass wir zuerst verstehen müssen, wer wir sind und wer Jesus ist, damit wir das Erlösungswerk des Herrn wirklich schätzen lernen: „Aber um das Werk, welches Jesus vollbrachte zu würdigen, sollten wir verstehen, wer wir sind, aber auch, wer er

war. Sein Erlösungswerk hat er für uns gemacht. Es ist das Werk einer Person für andere Personen. Einen Auftrag ausgeführt für bedürftige Menschen von einer Person, welche einzig und allein kompetent ist dieses Bedürfnis zu stillen. Seine Kompetenz liegt in seiner Gottheit, unsere Bedürftigkeit hat ihre Ursache in unseren Sünden. Wir haben seine Kompetenz getestet, wir sollen nun unser Bedürfnis eingestehen.“

 

Stott bemerkt richtig, dass wir Menschen ein Bedürfnis haben. Paulus erwähnt dieses Bedürfnis des Menschen im Römerbrief und nennt es den Mangel, den alle Sünder haben: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“ Römer 3,23 Dieses Bedürfnis, dieser Mangel ist also der Mangel am Ruhm Gottes. Wir rühmen uns nicht des Reichtums seiner Herrlichkeit (Römer 5,1-2 ; Philipper 4,19), wie wir es als Ebenbild und Geschöpf Gottes tun sollten, um den uns von Gott aufgetragen Auftrag in dieser Welt auszuführen: nämlich seine Herrlichkeit durch die Gerechtigkeit zu reflektieren. Sünde ist deshalb so zerstörerisch gegenüber dem Menschen, weil Sünde sich immer gegen den Ruhm und die Ehre Gottes richtet, der das höchste Gut des Menschen ist. Darum konnte Jesus keinen anderen Weg gehen, denn als ewiger Priester sich selber für uns dahinzugeben – um uns einerseits von der Sünde zu erretten (Matthäus 1,21) und um anderseits den Heiligen Geist zu senden, der uns von der Sünde überführt (Johannes 16, 8). Denn der Ruhm und die Ehre Gottes müssen im Sünder wiederhergestellt werden (Römer 3,23), was nur geschehen kann, wenn die Sünden vergeben und bedeckt sind (Römer 5,1-2; Psalm 32,1-3). 

 

Sünde beschämt und entblösst

 

Wenn Timon sich von seiner Mutter abwendet, bringt er damit seine Beschämung zum Ausdruck, denn im Moment seines Ungehorsams wird die Hässlichkeit seiner Sünde durch sein Verhalten und seinen Gesichtsausdruck besonders gut sichtbar. Ihm fehlt eine Bedeckung, die ihn vor den aufdeckenden Blicken anderer schützt. Seine Sünde offenbart sich in seinem Trotz, und er wird durch seine Sünde beschämt, die ihn vor den Augen anderer entblösst – so wie Adam und Eva nach dem Sündenfall erkannten, dass sie nackt waren und sich schämten. Thomas Watson schreibt: „Die Sünde hat unsere weisse Leinwand der Heiligkeit ausgezogen. Sie hat uns in den Augen Gottes nackt gemacht und entstellt, was uns schamrot machen sollte“ (S. 52). Diese Entblössung ist das zerstörende Werk der Sünde. Im Gegensatz dazu steht das wiederherstellende und lebensspendende Erlösungswerk Christi, sein teures Blut (Psalm 32,1-2; 1. Johannes 1,7) und sein Gewand der Gerechtigkeit (Jesaja 61,10), das unsere Scham und Sünde bedeckt. John Bunyan bemerkt in seinem Buch „Was ist das Gebet?“, dass Jesus Christus uns mit seinem heiligen Gewand der Gerechtigkeit unsere Nacktheit bedeckt (S. 166). Dieses Gewand ist nicht aus vergänglichen Dingen wie Gold und Silber hergestellt, sondern aus dem beständigen, heiligen und gerechten Leben Jesu Christi (Römer 5,19), der uns mit seinem kostbaren Blut aus unserem nichtigen Leben erkauft hat (1. Petrus 1,19).

 

Timon wendet sich beschämt von seiner Mutter ab. Dadurch wird deutlich, dass ihm beides fehlt: das reinigende Blut Christi und das Kleid der Gerechtigkeit, das seine Blösse bedecken sollte. Wie Timon, so hat jeder Mensch das Bedürfnis, mit einer Gerechtigkeit bedeckt zu sein – entweder mit Selbstrechtfertigungen oder dann mit der für uns fremden Gerechtigkeit, die vor Gott gilt: mit Jesus Christus. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) schreibt davon in seinem Lied: 

Christi

Blut und Gerechtigkeit,

das ist mein Schmuck und Ehrenkleid,

damit will ich vor Gott besteht,

wenn ich zum Himmel werd eingehn.

 

Das dreifache Amt der Eltern

 

Damit wir uns nicht mit Selbstrechtfertigungen bedecken müssen, bedürfen wir der Bedeckung mit dem, was uns wirklich mangelt. Dies ist die Bedeckung mit dem Ruhm der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus. Das ist das grosse und teure Versprechen der Gnade Gottes: Wenn wir uns von dem Guten Hirten führen lassen, schreibt David in seinem 23. Psalm, wird uns nichts mangeln. Denn der Reichtum der Herrlichkeit Christi ist dann unser (Psalm 23,1; Philipper 4,19).

 

Die Mutter hält die Spannung der Scham und Verzweiflung des Sohnes aus und wartet nahe bei ihrem Jungen, bis er – von der Geduld und Liebe seiner Mutter bedeckt – sich vom Tisch in ihren Schoss wagt. Geduld ist ein Akt der Liebe. Denn „Die Liebe ist langmütig und freundlich”, wie es im 1. Korinther 13,4 steht. Und die Liebe bedeckt die Scham der Sünde (1. Petrus 4,8). Die Mutter nimmt damit ihr elterliches Amt in dreifacher Weise wahr: als König, Priester und Prophet. Wir erkennen den Priester in ihrer Präsenz – so wie der grosse Hohepriester Jesus auch gegenwärtig ist; den König in ihrer Geduld, indem sie sich dem ewigen König unterstellt und ihre Emotionen beherrscht; und den Propheten schliesslich, indem sie durch ihr Wort ihrem Kind den Weg zum Leben verkündet.

 

In Christus haben wir alle dieses dreifache Amt erhalten. Petrus beschreibt dies eindrücklich in seinem Brief: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ 1. Petrus 2,9

 

Als Eltern haben wir von Gott das Amt erhalten, unsere Kinder mit dem dreifachen Amt Christi zu erziehen, oder wie das griechische Wort es besser ausdrückt, zu „hegen und zu pflegen“. Luther schreibt in seiner Schrift „Anweisung zur christlichen Erziehung“: „Denn das ist das erste Regiment [nämlich das der Eltern], davon einen Ursprung alle anderen Regimente und Herrschaften haben.“ Dieses elterliche Amt führen Eltern dreifach als König, Priester und Prophet aus:

  • Als König verlassen sie sich auf die Gnade und Kraft Gottes, gerade dann, wenn die Kräfte schwinden. Denn die Kraft und Gnade Gottes ist in den Schwachen mächtig. (2. Korinther 12,9ff; Römer 5,21-21). Die verändernde Gnade Gottes schenkt die nötige Geduld und Klarheit.
  • Als Prophet haben sie die Aufgabe, den Kindern den Weg zum Leben zu verkünden (Psalm 16,11). Auf die Frage von Timon bezogen, „Kann es nicht einfach wieder gut sein?“, verkündet ihm die Mutter das Evangelium von Christus: „Nein, es gibt nur einen Weg, der zum Leben führt“ (Johannes 14,6). Dieser Weg ist Erkenntnis und Bekenntnis der Sünde (1. Johannes 1,9).
  • Als Priester haben sie die Aufgabe, den Kindern nahe zu sein, für sie zu beten und den Weg der Versöhnung mit ihnen zu gehen. Eine weitere Aufgabe des Priesters ist es, Versöhnung zu bewirken und die Scham und Sünde des Nächsten zu bedecken. 
Die Mutter lehrt mit Klarheit im Herzen ihren Sohn Timon, dass es gut ist für die Kinder, die Eltern zu ehren und ihnen zu gehorchen und sich somit den Geboten Gottes unterzuordnen: So wird es ihnen wohlergehen und sie werden lange leben (Epheser 6,1-4). Die Bedeckung durch die geduldige Liebe der Mutter ist zwar nur eine menschliche Bedeckung der Scham. Doch durch diese menschliche Bedeckung und Annahme ermöglicht es die Mutter ihrem Jungen, sich ihr wieder zuzuwenden. Diese Liebe wird durch das Erlösungswerk in unsere Herzen eingegossen. Augustin schreibt in seinem Büchlein „Vom Geist und Buchstaben“, III.5:

Dann bekommt er den Heiligen Geist. Der weckt in seinem Herzen eine freudige Liebe, dem höchsten und unveränderlichen Gut, und zwar schon hier auf Erden. […] So verdankt er sein Gutsein demselben Gott, dem er auch sein Dasein verdankt. […] Das geschieht jedoch nicht aus uns selbst kommendem freien Willensentschluss, sondern durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist." Römer 5,5

 

Diese in uns ausgegossene Liebe bewirkt Geduld und Barmherzigkeit gegenüber unserem Nächsten, den wir als Ebenbild Gottes erkennen – darum die Erinnerung und Ermahnung der Schrift, diese Liebe an unseren Nächsten weiterzugeben: Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn »die Liebe deckt auch der Sünden Menge." 1. Petrus 4,8

 

Treue Gnade

 

Dietrich Bonhoeffer schreibt, dass es eine billige Gnade ist, wenn wir die Sünde ohne die Busse am Kreuz angehen, ohne das Blut und den Tod von Jesus. „Billige Gnade ist der Todfeind der Kirche“, schreibt er. Billige Gnade führt zum Tod unseres geistlichen Lebens. Billige Gnade ist auch der Todfeind der kleinsten Gemeinde Gottes, nämlich der Familie; auch des geistlichen Lebens von Timon, wenn seine Eltern ihm nicht helfen, sich zu demütigen.

 

Wenn die Mutter den Wunsch von Timon, dass es „einfach wieder so“ gut werden soll, erfüllt und nicht auf einer Versöhnung bestanden hätte, hätte Timon die Notwendigkeit eines Erlösers nicht erkennen können. Er hätte gelernt, sich auf die die billige Gnade zu verlassen; eine Gnade ohne Christus und ohne Sühne. Damit aber wird Sünde zu etwas, dass man einfach „durchwinken“ und mit menschlichen Mitteln lösen kann. Unsere Erziehung wird so „christuslos“. Christuslos – indem zum Beispiel Selbstrechtfertigungen anerkannt werden, indem ein „Auge zugedrückt“ oder „um des Friedens willen“ das Kind vor der Wahrheit des Gesetzes und des Evangeliums geschont wird. Es wäre eben „billige Gnade“, ohne den Tod Christi das sündhafte Verhalten von Timon zu rechtfertigen. Man könnte sein Verhalten seinem zarten Alter zuschreiben: „Er ist doch erst vier Jahre alt!“ oder Konflikte vermeiden wollen: „Wir machen jetzt nicht aus einer Mücke einen Elefanten.“ So aber halten wir einfach die Spannung nicht aus wegen unseres eigenen schlechten Gewissens oder eines Gefühls der eigenen Angst und des Versagens. Auch rationale Überlegungen wie „Man soll doch nicht so stur sein und auf solche Weise den Willen des Kindes brechen“ sind Selbstrechtfertigungen, um ein Gewähren lassen zu legitimieren.

 

Timon käme jedoch auf diese Weise kaum zur Einsicht seiner Sünde und könnte mit dem „Durchwinken“ die Notwendigkeit von Jesus Christus als seinem Retter nicht erkennen (1. Johannes 1,8; 1. Korinther 7,9-11; 2. Timotheus 2,24-25). Vielmehr würde dadurch sein Stolz – und damit seine Sünde – gerechtfertigt. Was jedoch not tut, ist die Rechtfertigung des Sünders mit einer Gerechtigkeit, die vor Gott gilt – mit der Gerechtigkeit, die wir „in Christus“ haben. Paulus schreibt, dass wir hier einen Mangel an göttlicher Erkenntnis haben: „Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan.” Römer 10,3

 

Horton schreibt in seinem Buch „Christless Christianity“ (S. 15): „Es ist so einfach, von Christus als der einzigen Hoffnung für Sünder abgelenkt zu werden. Wenn alles an unserem Glücklichsein gemessen wird anstatt an Gottes Heiligkeit, wird das Empfinden unseres Sünderseins zweitrangig, wenn nicht sogar abstossend.“

 

Sünde ist keine Bagatelle: Sie ist hässlich, sie betrügt, sie verschmutzt den Menschen, zerstört Beziehungen zwischen den Ehepartnern, zwischen den Eltern und ihren Kindern. Sünde verursacht den Schmerz der Seele und führt schliesslich zum Tod. Sünde kann nicht vor einem heiligen und gerechten Gott bestehen. Der sündige Mensch ist dem Schmerz des Todes ausgeliefert. Sünde fordert Gottes Gerechtigkeit heraus, schändet seine Gnade, verspottet seine Geduld, macht seine Kraft gering und verachtet seine Liebe. Sünde ist eine abscheuliche Sache (vergleiche Ralph Venning. S. 32).

 

Timons Mutter hat also ganz und gar Recht, wenn sie aus der gütigen Besorgnis um ihren Sohn die Versöhnung mit Timon anstrebt; auch wenn es sie Kraft und Geduld kostet, ihren Buben auf diesem Weg zum Gnadenthron zu begleiten und auch wenn Stolz und Scham es dem Jungen schwer machen, sich auf die Beziehung zu seiner Mutter einzulassen. Vergessen wir aber auf keinen Fall, dass der Weg zum Gnadenthron nur möglich ist, weil Jesus selber als unser Priester uns in seiner Treue und Güte immer wieder zum Thron der Gnade führt. Wir können dies nicht selber tun. Wie der Hohepriester nur mit dem Blut des Opfertieres in das Allerheiligste treten konnte, können wir nur mit der Bedeckung „in Christus“ vor den Thron der Gnade treten und somit Hilfe erhalten. Jesus Christus ist es, der ewige Priester, das Lamm Gottes, das geschlachtet ist, der uns freimütig vor den Thron der Gnade treten lässt, weil uns sein Blut bedeckt:

 

Weil wir denn einen grossen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ Hebräer 4,14-16

 

Dies ist der Grund, warum Jesus Christus an unserer Stelle sterben musste: Gott konnte nicht einfach unsere Sünde übersehen, wenn er mit uns in einer gerechten und heiligen Beziehung sein wollte. Denn Sündigen heisst den Willen Satans zu tun und in dieser Sklaverei der Sünde auch zu verharren (Böhl, E.: Dogmatik. S. 187). Es braucht die ER-Lösung,

um uns aus dieser Gefangenschaft der Sünde zu erretten und uns wieder in die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott zu bringen.

 

Das Gebet - mit Christus zu Christus

 

Timon konnte noch nicht verstehen, dass sein Ungehorsam keine Bagatelle war, die die Mutter einfach übergehen und mit seiner Jugend oder auf eine andere Art und Weise rechtfertigen konnte – auch wenn es lediglich die Sünde eines vierjährigen Kindes war. Jeder Ungehorsam ist Sünde, und Sünde braucht Vergebung und Versöhnung und die Bedeckung mit dem Ruhm Gottes. Echte Versöhnung ist nur möglich, wenn die Erkenntnis der Sünde da ist und die Bitte um Vergebung gewährt werden kann. Und die Bitte um Vergebung kann nur gewährt werden, wenn die Schuld der Sünde bezahlt ist. Darum ist es Liebe, wenn Timons Mutter ihm die schmerzhafte Demütigung der Erkenntnis der eigenen Sünden nicht erspart, sondern ihm den Weg zum Leben weist (Psalm 16,1). Weil Jesus Christus uns mit seinem Blut reinwäscht und mit seiner Gerechtigkeit bedeckt, nimmt die Mutter ihren Sohn in die Gemeinschaft der in Christus gerecht gesprochenen Sünder. So betet sie für sich und Timon. Denn in Christus haben wir Zugang zu der Gnade Gottes vor seinem Thron (Römer 5,1-2). Auch wir können mit dem Psalmisten beten (Psalm 119,36 und 71):

 

Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast, damit ich deine Gebote lerne. […] Neige mein Herz zu deinen Mahnungen und nicht zur Habsucht.

 

So haben wir durch unseren ewigen Priester Zugang zu der Gnade Gottes; um den Ruhm der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus erkennen zu dürfen. Am Ruhm seiner Herrlichkeit wird uns dann nicht mehr mangeln.

 

Amen.

 


Literatur:

  • Augustinus, Aurelius: Von der Gnade und der Natur
  • Augustinus, Aurelius: Geist und Buchstabe
  • Böhl, Eduard (1995): Dogmatik. Hänssler Verlag
  • Berkouwer, G. C. (1965): The Work of Christ. Eerdmanns Publishing. Grand Rapids. MI
  • Bonhoeffer, Dietrich (1985). Nachfolge. Chr. Kaiser Verlag. München
  • Bunyan, John (2019): Was ist Gebet? Sola Gratia Medien
  • Luther, Martin (1522): Anweisungen zur christlichen Erziehung.
  • Horton, Michael (2006): Introducing Covenant Theology. Baker Books. Grand Rapids. MI
  • Horton, Michael (2008): Christless Christianity. The Alternative Gospel of the American Church. Baker Books. Grand Rapids. MI
  • Owen, John (2001) Die Herrlichkeit Christi. Köstlicher als Gold. 3 L Verlag
  • Owen John (1994) Leben durch Seinen Tod. Das Sühnopfer Christi im Licht der Bibel. Reformatorischer Verlag Beese
  • Stott, John (1965): Einführung ins Christentum. R. Brockhaus Verlag. Wuppertal
  • Venning, Ralph (1965): The Sinfulness of Sin. The Banner of Truth Trust. Edinburgh
  • Watson, Thomas (2006): Die Lehre der Busse. 3 L Verlag
  • Welch, Edward (2020): Created to Draw Near: Our Life as God’s Priests. Crossway. Wheaton Ill